Die serbokroatischen Kolonien Süditaliens

Milan Rešetar

 

(A.) Historisch-ethnographischer Teil.

 

III. Die serbokroatischen Kolonien des Molise.

§ 18. — Ursprung der Kolonien  (Spalte 49)

§ 19. — Nachrichten über Acquaviva, S. Felice und Montemitro;  54

§ 20. — über Castelmauro und Palata  59

§ 21. — über Tavenna und Mafalda  63

§ 22. — über S. Biase, Montelongo, S. Giacomo, Petacciato und Castropignano  65

§ 23. — Art und Zeit der Einwanderung  70

§ 24. — Erinnerungsfeier an die Einwanderung  72

§ 25. — Ursprungsland  74

§ 26. — Ansicht Smodlakas  79

§ 27 u. 28. — aus dem Dialekte zu ziehende Schlüsse  82

§ 29. — Zahl der Kolonisten  89

 

III. Die Kolonien des Molise.

 

            § 18. (Ursprung der Kolonien)

 

Die slawischen Siedlungen im Molise wollte man, wenigstens zum Teile, in Zusammenhang mit denjenigen Slawen bringen, die im Jahre 642 bei Siponto von den Langobarden geschlagen wurden (vgl. De Rubertis, S. 18), doch, wie schon auf Sp. 23 gezeigt wurde, ist dies eine vollkommen unbegründete Annahme. Nichtsdestoweniger hatten sich Slawen im Molise schon früher niedergelassen, bevor diejenigen Slawen dorthin gelangten, deren Nachkommen sich in den drei noch heutzutage slawischen Ortschaften erhalten haben. Makušev (Сборникъ VIII, S. 68) verzeichnet die Abgaben, welche Sclavi, beziehungsweise casale Sclavorum in den Jahren 1294, 1305 und 1306 im Iusticiariatus Terre Laboris et comitatus Molisii zu zahlen hatten; er teilt ferner (o. c., S. 69) eine Entscheidung aus dem Jahre 1294 mit, die sich auf Streitigkeiten zwischen den Bewohnern des casale Sclavorum und denjenij gen des casale Trigie bezieht. Vielleicht ist mit dem gegenwärtigen Montemauro, das bis vor kurzem Castelluccio hieß, dasjenige Castelluccium de Sclavorum (sic!) identisch, das in ] dem Verzeichnisse der Feudalherren unter Wilhelm II. (1166—1189) erwähnt wird (vgl. Gd. Marano, Lavino, S. 240). Endlich im Jahre 1297 gab es im Gebiete von Acquaviva slawische Vasallen, denn in einer Bulle des Papstes Bonifaz VIII. von diesem Jahre spricht man von Castrum Acquaevivae cum vassallis Schlavonis (l. 1.). Die ältesten Erwähnungen von Slawen im Molise reichen somit bis in die zweite Hälfte des XIII. Jahrhunderts zurück, und da darunter auch von Slawen im Gebiete des noch heutzutage slawischen Acquaviva die Rede ist, so wäre wohl nichts natürlicher als daran zu denken,

 

 

(Spalte 50)

 

daß die heutzutage im Molise lebenden Slawen direkte Nachkommen derjenigen Slawen sind, die eben schon im XIII. Jahrhunderte in dieser Gegend konstatiert werden können. Doch dieser auf den ersten Blick so natürlich erscheinende Schluß wäre wohl ein irriger, denn sowohl historische als auch sprachliche Argumente sprechen entschieden gegen dessen Zulässigkeit. Alle beglaubigten Nachrichten, die wir über diejenigen Slawen des Molise besitzen, deren letzte Reste sich in den drei bekannten Ortschaften erhalten haben, stimmen nämlich darin überein, daß sie im Laufe der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts in den betreffenden Ortschaften angesiedelt wurden, und sprechen von ihnen wie von Leuten, die eben nicht viel früher aus Dalmatien nach Italien herübergekommen waren, wie wir dies bei den einzelnen in Betracht kommenden Ortschaften sehen werden; von dieser Seite wird somit die Annahme sehr bekräftigt, daß auch diese Slawen zu den Flüchtlingen (Slawen und Albanesen) gehörten, die seit der Mitte, namentlich aber gegen Ende des XV. und im Anfänge des folgenden Jahrhunderts nach verschiedenen Punkten der Ostküste Italiens von der gegenüberliegenden Küste flüchteten. Noch entschiedener spricht aber die Sprache der Molisaner Slawen dafür!

 

Der serbokroatische Dialekt, der im Molise gesprochen wird (denn in den drei Ortschaften wird gleich gesprochen), zeigt einige besonders charakteristische Züge, die in den štokavischen Mundarten (und zu diesen gehört ja auch unser Dialekt) vor dem XV. Jahrhunderte nicht konstatiert werden können; hieher rechne ich die regelmäßige Vertretung eines silbenbildenden  l durch ein u,

 

 

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ferner den Verlust des (silben- und) wortschließenden l. Auch der regelmäßige Ersatz des serbokroatischen Halbvokals durch ein volles a ist eine Erscheinung, die auf štokavischem Boden nicht vor der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts auftaucht. Ferner dürfte die zum großen Teile schon durchgeführte neuere Betonung (vgl. § 72) auch für die štokavischen Dialekte kaum vor das Ende des XIV. Jahrhunderts anzusetzen sein, da noch heutzutage in einem großen Teile des štokavischen Gebietes die ältere Betonung bald in größerem, bald in geringerem Umfange erhalten ist. Von den Endungen hebe ich die 1. sing. des Präsens hervor, die durchwegs das -m der themavokallosen Verba aufweist (vgl. § 98), was bis zum XVI. Jahrhunderte nirgends auf serbokroatischem Boden der Fall ist. In der Sprache der Molisaner Serbokroaten finden wir somit einige sehr charakteristische Erscheinungen, die zusammengenommen im Serbokroatischen vor dem Ende des XV. Jahrhunderts nicht anzutreffen sind, so daß daraus wohl die Schlußfolgerung gezogen werden darf, daß die Auswanderung nach dem Molise nicht vor dieser Zeit stattfinden konnte. Allerdings muß man die Möglichkeit zugeben, daß die in Rede stehenden Eigentümlichkeiten des Molisaner Dialektes sich unabhängig von den gleichen Erscheinungen der übrigen serbokroatischen Dialekte entwickeln konnten, d. h. daß unsere Kolonisten (wie ich von nun an der Kürze wegen die im Molise angesiedelten Serbokroaten nennen will) erst nach ihrer Auswanderung die entsprechenden älteren aus dem Mutterlande mitgenommenen Eigentümlichkeiten durch die gegenwärtig üblichen ersetzten; doch wäre es jedenfalls auffallend, daß dann der Molisaner Dialekt in allen diesen Punkten genau zu denselben Resultaten gelangt wäre, zu welchen auch die (štokavischen) Dialekte des Mutterlandes gelangt sind. Deswegen ist es viel wahrscheinlicher, daß der Molisaner Dialekt diese Stufe der Entwicklung schon im Mutterlande erreicht hatte, eine Annahme, die auch durch den weiteren Umstand bekräftigt wird, daß dieser Dialekt sonst keine wichtigeren Eigentümlichkeiten aufzuweisen hat, die dafür sprechen würden, daß er durch eine noch längere Zeit getrennt von den übrigen serbokroatischen Dialekten sich entwickelt hätte;

 

 

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was er Neues hervorgebracht hat, reduziert sich fast ausschließlich auf eine immer stärker hervortretende Annäherung an das Italienische in grammatikalischer und lexikalischer Beziehung. Andererseits gibt uns der Molisaner Dialekt auch Argumente dafür, daß seine Trennung von dem serbokroatischen Grundstöcke zu einer Zeit vor sich ging, als einige neuere Erscheinungen im Štokavischen noch nicht Platz gegriffen hatten: sehr wichtig ist in dieser Beziehung, daß im Molisaner Dialekte beim gen. plur. der ъ/o und a-Stämme die Endung -ā nicht konstatiert werden kann (vgl. § 80), während im Gegenteile das Imperfekt, welches in den küstenländischen Dialekten schon längst ausgestorben ist, in voller Kraft fortlebt; ebenso hat sich hier bei der 1. plur. des Imperfekts die ältere Endung -hmo erhalten (vgl. § 100); man kann endlich auch auf die nicht seltenen in westlichen štokavischen Dialekten (und zu diesen gehört eben auch der Molisaner) erhaltenen lexikalischen Archaismen (vgl. § 113) sowie darauf hinweisen, daß in demselben gar keine türkischen (d. i. orientalischen) Lehnwörter Vorkommen (vgl. § 112). Diese archaistischen Züge des Molisaner Dialektes beweisen somit, daß wir in bezug auf die Molisaner nicht an spätere, uns unbekannt gebliebene Nachschübe denken können, welche auf die Gestaltung des Dialektes einen entscheidenden Einfluß hätten ausüben können. Somit wird die historische Überlieferung durch die Sprache vollinhaltlich bestätigt und beide sprechen dafür, daß die heutzutage im Molise lebenden Serbokroaten vor dem Ende des XV. Jahrhunderts dorthin nicht eingewandert sein können.

 

Es kann wohl diesbezüglich auch die im Molisaner Dialekte übliche Benennung des italienischen 1-Lira-Stückes erwähnt werden: diese Münze heißt nämlich pȕha, d. i. ,Siebenschläfer‘ [[ Zusätze und Berichtigungen: die für pȕha in der Bedeutung „Lira“ vorgeschlagene Erklärung entfällt, vgl. im Wörterverzeichnisse s. v. pȕha. ]], trägt somit den Namen eines Nagetieres, das in der Gegend gar nicht vorkommt. Für diese auffallende Erscheinung habe ich nur folgende Erklärung: die neapolitanischen Könige aus dem Hause Aragonien, Ferdinand I. (1458 bis 1494), Alfons II. (1494—1495) und Ferdinand II. (1495—1496),

 

 

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haben als kleinste Silbermünze, die also wohl die Einheit ihres Münzsystems darstellte, ein Stück geprägt, das auf der Reversseite das Bild eines Hermelins aufweist und welches, wahrscheinlich sogleich, vom Volke armellina benannt wurde; [1] dieses Silberstück dürften die serbokroatischen Emigranten bei ihrer Einwanderung im Lande vorgefunden und nach dem darauf abgebildeten Tiere benannt haben; da aber das Hermelin in von Serbokroaten bewohnten Ländern nicht vorkommt, weswegen es auch im Serbokroatischen für dieses Tier keinen Namen gibt, so haben wohl die neuangekommenen Emigranten in dem auf den Münzen abgebildeten Tiere einen Siebenschläfer zu erkennen geglaubt und dementsprechend auch die Münze selbst mit pȕha bezeichnet. Auf diese Weise ist es wohl dazu gekommen, daß bei den Molisaner Slawen die dem Münzsystem der späteren neapolitanischen Herrscher als Grundlage dienende Silbermünze, ohne Rücksicht auf deren äußeres Bild, ebenfalls puha benannt wurde, bis sich dieser Name auch auf die seit dem Jahre 1860 kursierende italienische Lira vererbte. Daß aber auf ähnliche Weise der Name einer Münze sich durch Jahrhunderte erhalten kann, obschon die Gestalt, das Gewicht und der Gehalt der Münze sich ändert, ist eine längst bekannte Tatsache.

 

Wir können somit mit vollem Rechte behaupten, daß die Vorfahren der gegenwärtig im Molise lebenden Slawen nicht vor Ende des XV. Jahrhunderts in das Molise eingewandert sind, somit nicht die Nachkommen derjenigen Slawen sein können, die in dieser Gegend sporadisch schon am Ende des XIII. Jahrhunderts konstatiert werden können. Diese letzteren waren wohl schon längst italianisiert, als die Flüchtlinge gegen Ende des XV. Jahrhunderts in dieselbe Gegend kamen ; wenn sich aber auch irgendwo, etwa in Acquaviva selbst, noch Überreste dieser älteren slawischen Kolonisten erhalten haben sollten, so dürften letztere sich den neuangekommenen viel zahlreicheren Landsleuten recht bald vollständig assimiliert haben, ohne irgendwelche Spuren — etwa in der Sprache — zu hinterlassen.

 

 

1. Vgl. Summonte Giov. Ant., Historia della città e regno di Napoli, tomo III (Neapel 1675), pag. 450.

 

 

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            § 19. (Nachrichten über Acquaviva, S. Felice und Montemitro;)

 

Indem wir uns zu den slawischen Siedlungen des Molise wenden, sollen vor allem die älteren Autoren angeführt werden, die dabei in Betracht kommen und im folgenden als Gewährsmänner verwendet werden. Zunächst hat Monsignore Giovanni Andrea Tria in seinen Memorie storiche civili ed ecclesiastiche della città e diocesi di Laрino (Rom 1744) von den Slawen in der zu dieser Diözese gehörenden Ortschaft Montelongo gesprochen, wobei er auch auf die ehemalige slawische Bevölkerung von Palata hinwies. Die meisten und zuverlässigsten Notizen findet man aber im Werke von Giuseppe Maria Galanti, Descrizione dello stato . . . del contado del Molise [1] (Napoli 1781), die dann auch von Lorenzo Giustiniani für sein Dizionario geografico-ragionato del regno di Napoli, Bd. I—IX (Neapel 1797—1805) verwendet wurden. Die Angaben Galantis sind sehr verläßlich, weil er zweimal das Land besuchte, somit nicht erst aus zweiter Hand schöpfte, während Giustiniani aus dem Archive von Neapel sehr wichtige Angaben über die Bevölkerungszahl in den einzelnen Ortschaften mitteilte. Wie ich aus Vegezzi-Ruscalla, S. 15, 17, ersehe, hat auch Del Re in seinem im Jahre 1805 in Neapel erschienenen Dizionario del Regno di Napoli sowie in einem späteren Werke Notizen über die Slawen im Molise, doch waren mir beide Werke unzugänglich; übrigens geht schon aus dem wenigen, was Vegezzi-Ruscalla daraus mitteilt, hervor, daß Del Re ganz einfach aus Galanti und Giustiniani geschöpft haben dürfte.

 

Wir wollen nun im Detail durchnehmen, für welche Ortschaften des Molise eine slawische Kolonisation angenommen werden kann, wann letztere stattgefunden und bis wann sich die slawische Bevölkerung in den einzelnen Ortschaften erhalten hat. Wir fangen am besten mit den drei Ortschaften an, wo noch heutzutage serbokroatisch gesprochen wird. Wie wir auf Sp. 49 gesehen haben, existierte Acquaviva [2] schon im Jahre 1297, so daß dann diese Ortschaft als eine Gründung slawischer Flüchtlinge nicht gelten kann.

 

 

1. Mein junger Freund Giuseppe Spatocco, dessen Mutter aus San Felice stammt, war so liebenswürdig, die von mir gebrauchten Angaben aus Galanti zu exzerpieren.

 

2. Der offizielle italienische Name des Ortes ist Acquaviva-Collecroce, daneben aber wird nicht selten auch Acquaviva-Collecroci geschrieben, bei Giustiniani aber (Bd. I, S. 55) heißt er Colle di Croce, in der gewöhnlichen Umgangssprache wird er jedoch einfach Acquaviva genannt, da der zweite Name nur deswegen hinzugefügt wird, um dieses Acquaviva von den übrigen Ortschaften gleichen Namens zu unterscheiden. Im Ortsdialekte heißt der Ort Krûč (gen. sing. Krúča), was eine slawische Form des italienischen croce (in Collecroce) ist. Dagegen behauptet das Ausland vom Jahre 1857 (S. 810):

 

„Sie (d. i. die slawische Kolonie) . . . bewohnt den Ort Wodajwa (slawisch, von Woda, d. i. Wasser), der im Italienischen Acquaviva genannt wird;“

 

dieses Wodajwa ist eine fehlerhafte Lesart der serbokroatischen Übersetzung voda živa des italienischen acqua viva, die in Petermanns Mitteilungen vom Jahre 1859, S. 371, richtiggestellt wurde. Anstatt der unslawischen Wortfolge Voda živa hat zuerst Bodjanskij in seiner russischen Übersetzung der Briefe De Rubertis’ (s. Sp. 7) die richtige Verbindung Živa Voda, die auch in allen späteren slawischen Publikationen regelmäßig angewendet wird. Nichtsdestoweniger ist dieser Name eine moderne gelehrte Übersetzung, denn auch die ältesten Leute in Acquaviva können sich nicht erinnern, daß der Ort so genannt worden sei ; deswegen möchte ich die Richtigkeit der Angabe Dr. Smodlakas (Posjet, S. 23) bezweifeln, daß der Ort slawisch Voda živa oder Kruč heiße, wenn auch der erstere Ausdruck gegenwärtig sehr selten gebraucht werde.

 

 

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Nichtsdestoweniger weiß De Rubertis (S. 9) über die Gründung Acquavivas Folgendes zu erzählen:

„In quest’opera (nämlich bei Tria) ben voluminosa si parla a lungo della venuta delle colonie Albanesi e Slave, che avvenne verso gli anni 1468. Le colonie Albanesi fondarono Portocannone, Campomarino, Ururi, Chieuti eco. e le Slave fondarono Montemitro, Sanfelice, Tavenna, e Cerritello. Gli abitanti di quest’ ultimo villaggio, che erano Albanesi e Slavi, verso gli anni 1537, spaventati dal tremendo flagello del Cholera, abbandonarono i pochi edificii eretti; come rilevasi da una convenzione stipulata fra’ coloni Albanesi e Slavi, e i Cavalieri dell’ Ordine di Malta, a’ quali si appartenevano in feudo queste contrade; convenzione che esiste tuttavia nel nostro archivio comunale. Fu allora che gli Albanesi, e Slavi si separarono; e i primi fondarono Montecilfone; e i secondi, allettati dalla salubrità del clima, fondarono a breve distanza di Cerritello un altro villaggio, che della freschezza delle acque, ebbe il nome di Acquaviva.“

 

 

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Wie man aus einer anderen Stelle seiner Briefe (S. 27) ersieht, hat De Rubertis diese Notiz über die Gründung Acquavivas dem von ihm erwähnten Vertrage entnommen, der zu dieser Zeit (d. i. im Jahre 1853) im Gemeindearchive von Acquaviva noch vorhanden war, jetzt aber in demselben leider nicht mehr zu finden ist, so daß wir nicht einmal wissen, ob dieser Vertrag ein echtes gleichzeitiges Dokument ist. [1] Jedenfalls dürfte die Zeitangabe „um das Jahr 1537“ nicht ganz richtig sein, denn Giustiniani (I, 55) entnimmt den gleichzeitigen Steuerbogen, daß Acquaviva im Jahre 1532 an 40 Feuerherde zählte, dann im Jahre 1545 deren 39 und im Jahre 1561 an 50. Wie also die erste von Giustiniani angegebene Zahl beweist, daß Acquaviva nicht erst um das Jahr 1537 gegründet werden konnte, so beweisen die beiden letzteren, daß ebensowenig davon die Rede sein kann, daß diese Ortschaft erst im Jahre 1549 oder 1562 entstanden sei. In der Schrift nämlich, die vom Rechtsanwalt D. Giuseppe Caccia im Jahre 1776 in Neapel unter dem Titel Per l’università di Acquaviva Colle-Croce nella causa delle Decime in S. C. herausgegeben wurde, sind (auf Fol. 48 und 51) zwei von Mastrodatti della Petrella veröffentlichte Steininschriften zu finden, die sich auf die Gründung Acquavivas beziehen sollen; die eine stand auf einem zur Kirche gehörenden Magazin und lautete: „Questa si è la prima casa s’ è fatta in Acquaviva per Leonardo di Cola di Castellucio. 1549“, die andere stand auf dem Kirchturme und hatte folgenden Inhalt: „Frater Antonius Pelletta primus conditor hujus Terrœ sub magistatu (sic!) Fratris Joannis Homedos Aragonensis. Anno Domini MDLXII.“

 

 

1. De Rubertis (S. 18) berichtet, daß man noch die Ruinen der Kirche von Cerritello sieht und daß zwei Meßgewänder und zwei Kelche aus vergoldetem Silber, die in der Kirche von Acquaviva aufbewahrt werden, aus der Kirche von Cerritello stammen, während ein Reliquienschrein aus vergoldetem Holze mit einem Stücke des heil. Kreuzes noch aus Dalmatien mitgenommen worden sein soll. Nach Piedimonte, Spigolature storiche molisane, Campobasso 1904, S. 50) soll Cerritello durch Ameisen vernichtet worden sein! Die Ruinen (auf der italienischen Generalstabskarte Cerretella!) liegen in einer Entfernung von 3.5 km (Luftlinie) südöstlich von Acquaviva, aber auf dem Gebiete der Gemeinde Palata.

 

 

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Die beiden Inschriften stimmen somit weder miteinander, noch mit der Tatsache überein, daß, wenn wir annehmen wollen, daß Acquaviva im XVI. Jahrhunderte neubevölkert wurde, dies jedenfalls spätestens im Jahre 1532 geschehen ist; sie wurden wahrscheinlich fabriziert, um als Argument im Prozesse verwendet zu werden, der von der Gemeinde Acquaviva mit dem Malteser Ritterorden wegen der Kongrua geführt wurde und für welchen auch die Schrift Caccias diente: der Orden, welchem Acquaviva als Lehen zuletzt gehörte, behauptete nämlich, indem er sich wohl auf die zweite Inschrift stützte, Acquaviva sei von dem Komtur Pelletta gegründet worden, während die Gemeinde auf Grund einiger älteren Schriftsteller und wohl auch der Inschrift aus dem Jahre 1549 den Beweis lieferte, daß die Ortschaft lange vor dem Jahre 1562 existierte; wahrscheinlich wurde infolge dieses Prozesses sowohl diese als auch die Inschrift vom Jahre 1541 von der Gemeinde vernichtet, denn jetzt existieren sie nicht mehr und auch De Rubertis wußte von ihnen nichts. Der Komtur Pelletta konnte somit im Jahre 1562 höchstens neue Kolonisten nach Acquaviva geführt haben, und zwar, wie dies Galanti, S. 23, behauptet (der ausdrücklich sagt “gli abitanti sono Schiavoni, . . . parlano la loro lingua e poco intendono l’italiano“) und Giustiniani (I, 55) vermutet, waren dies Schiavoni (d. i. Serbokroaten); doch möchte ich eher sagen, daß die Inschrift aus dem Jahre 1562 ebenso wie die aus dem Jahre 1549 vollständig apokryph ist, denn nach den von Giustiniani zitierten Steuerregistern zählte Acquaviva, wie wir gesehen haben, im Jahre 1561 39 Feuerherde und im Jahre 1595, also 33 Jahre nach der angeblichen Gründung, beziehungsweise Neubevölkerung durch Pelletta, 50 Feuerherde, also bloß um 11 Familien mehr, so daß die Neuangekommenen jedenfalls in der entschiedenen Minorität gewesen wären und den Ort nicht hätten slawisieren können. Ich glaube daher, daß die von De Rubertis aus dem früher erwähnten Vertrage geschöpfte Notiz noch die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat: wenn auch ein Acquaviva an derselben Stelle schon Ende des XIII. Jahrhunderts existierte, so muß man annehmen, daß es mit der Zeit verödete oder vernichtet wurde und von serbokroatischen Flüchtlingen spätestens im Jahre 1532 neu bevölkert wurde.

 

 

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In bezug auf San Felice Slavo (im Ortsdialekte Stifìlîč oder auch bloß Fìlîč) hatte Magliano (o. c., S. 241) nur ganz im allgemeinen die Vermutung ausgesprochen, daß die Orsini, die damit seit dem Jahre 1368 belehnt waren, die Slawen dorthin geführt haben dürften. In der Tat kamen die Slawen erst im Jahre 1518; wie mir nämlich der nunmehr verstorbene Domherr von Termoli, Don Vincenzo Vetta (ein geborener Slawe aus Acquaviva), freundlich mitteilte, existiert im bischöflichen Archive in Termoli ein im Jahre 1765 verfaßtes handschriftliches Werk des Mons. Tommaso Giannelli unter dem Titel Memorie intorno alla Chiesa di Termoli, e Diocesi, [1] in welchem über San Felice folgendes berichtet wird:

 

„Sul principio del XVI. secolo S. Felice era privo di popolo; onde li Dalmatini, che erano venuti per fissare in queste contrade il loro domicilio, nell’ anno 1518 vi formarono piccola Colonia, la quale adesso è cresciuta tanto, che vi si numerano anime 653. — La venuta degli Schiavoni fu nell’ anno 1518, perchè, nell’ aver letto lo Statuto della Terra, il quale si chiama Capitolazione, ho rinvenuto che nell’ anno suddetto li nuovi Coloni convennero con Cesare e Pardo Pappacoda intorno quello, che, per alimentarsi in tale Feudo, gli concedeva, e che dovevano essi loro corrispondere e pagare: quale capitolazione fu confermata, e munita di Regio assenso nell’ anno 1552.“

 

Die Ortschaft muß aber erst nach dem Jahre 1495 verödet sein, denn in diesem Jahre zählte sie noch an 30 Feuerherde (Magliano, o. c. 241); für die Zeit aber nach der Ansiedlung der Slawen wird die Anzahl der Feuerherde folgendermaßen bestimmt: 39 im Jahre 1532, 55 im Jahre 1555, 70 im Jahre 1561, 82 im Jahre 1595, 50 im Jahre 1648; die Pest vom Jahre 1656 muß den größeren Teil der Bevölkerung dahingerafft und die wenigen Überlebenden auseinandergejagt haben,

 

 

1. Auf diese Handschrift wurde ich durch Rolando (S. 8) aufmerksam gemacht, der sie aber nicht sehen konnte und sie irrtümlich ins XVII. Jahrhundert verweist.

 

 

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denn nach einer Beschreibung der Ortschaft aus dem Jahre 1663waren erst kurz vorher wenige Familien in die verödete Ortschaft zurückgekehrt, und zwar waren dies wiederum Slawen, Uber welche in derselben Beschreibung berichtet wird:

 

„. . . li habitatori sono di buono aspetto più li huomini che le donne: e benché sono di natione Schiavone, sono però affabili e cortesi, sono hoggi di fuochi 13 e poco prima di fuochi 18, quali 5 sono passati in altre parte . . . Vivono puramente di pane, vino e frutta (Magliano, o. c. 242)“.

 

Auch für die Bewohner von San Felice sagt Galanti (S. 80): „Sono Schiavoni e parlano la loro lingua“.

 

Nach Galanti (S. 77) soli Montemitro (im Ortsdialekte Mundìmîtar, gen. -tra) im XII. Jahrhunderte den Namen Monte Mitulo geführt haben. Als „Montemitro“ wird die Ortschaft zum ersten Male im Jahre 1566 erwähnt, aber in den Steuerverzeichnissen erscheint sie zuerst im Jahre 1595, wo sie auf 34 Feuerherde taxiert ist; im Jahre 1648 wird sie S. Lucia (diese Heilige ist nämlich die Schutzpatronin des Ortes) und Montemitro genannt und auf 32 Feuerherde angesetzt und im Jahre 1669 (unter der Benennung S. Lucia Montemitro) mit deren 24; es ist aber wahrscheinlich, daß auch Montemitro infolge der Pest vom Jahre 1656 verödete, weil in der früher erwähnten sehr detaillierten Beschreibung dieser Gegend aus dem Jahre 1663 seiner gar keine Erwähnung getan wird. Vielleicht wurde Montemitro von den Slawen von San Felice aus kolonisiert, denn bis zur allerletzten Zeit gehörte es zu dieser letzteren Gemeinde; sonst aber wird erst von Galanti (S. 77) bezeugt, daß die Einwohner Slawen sind: „Gli abitanti sono Schiavoni . . . parlano la loro lingua“. Ohne Zweifel ist aber auch Montemitro keine slawische Gründung, denn auf der verfallenen Kirche steht noch immer eine halb verwischte Inschrift, auf deren Photographie die letzten Worte deutlich zu lesen sind „. . . | ANNO DNI | MCCCXIII“, und das will wohl bedeuten, daß im Jahre 1313 die Kirche gebaut (oder erneuert) wurde, somit, daß der Ort schon bewohnt war.

 

 

            § 20. (über Castelmauro und Palata)

 

Die drei slawischen Kolonien im Molise bilden ein zusammenhängendes Ganzes, um welches sich einige Ortschaften gruppieren, die einst ebenfalls slawisch waren,

 

 

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nämlich Castelmauro, südwestlich von Acquaviva, dann nördlich davon und von S. Felice Palata, Tavenna und Mafalda. Castelmauro hieß früher Castelluccio-Acquaborrana [1] (weswegen die Ortschaft bei den Molisaner Slawen noch immer Kastèluč heißt) und ich finde nur bei Magliano (o. c. 240, Note a) die Notiz, daß dies ebenfalls eine slawische Kolonie gewesen sei; nachdem er nämlich, wie auf Sp. 49 gesagt wurde, aus dem Verzeichnisse der Feudalherren unter Wilhelm II. (1166—1189) [2] Castellucium de Sclavorum angeführt hat, fährt Magliano (S. 240) folgenderweise fort:

 

„E questo Castelluccio dev’ essere l’attuale Castelmauro, poiché esso viene nel detto Catalogo riportato fra i feudi di Capitanata insieme a S. Martino, Guglionesi, e Campomarino ecc. Oggi Castelmauro non è più abitato da gente Slava, ma è ancora viva la tradizione che essa lo fu in tempi passati e si conserva memoria di alcune iscrizioni, le quali affermavano tale fatto e che furono sciaguratamente disperse.“

 

Da also Magliano sich auf die im Orte noch lebende Tradition und auf leider zerstörte Steininschriften beruft, dürfte keine Verwechslung mit Castel; luccio degli Schiavi in der heutigen Provinz Foggia (der ehemaligen Capitanata) vorliegen; [3] doch weder Galanti, noch Giustiniani, De Rubertis oder Piedimonte wissen etwas davon zu erzählen, daß in Castelluccio-Acquaborrana (dem heutigen Castelmauro) Slawen in neuerer Zeit gewohnt hätten, allerdings scheint es, daß auch Piedimonte (o. c. 32) das Castelluccium Sclavorum mit Castelmauro identifiziert.

 

Nichtsdestoweniger könnte die von Magliano erwähnte Tradition von der einstigen slawischen Bevölkerung vollkommen begründet sein, denn das Beispiel von Palata (slawisch Pàlâta) zeigt uns am besten, wie sich die Erinnerung an die ältere Bevölkerung in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Ortes gänzlich verlieren kann.

 

 

1. Piedimonte o. c., S. 31.

2. Vgl. Piedimonte o. c., S. 50.

3. Giustiniani unterscheidet in seinem Dizionario genau Castelluccio Acquaborrana „terra in contado di Molise“ von Castelluccio degli Schiavi „terra in provincia di Capitanata“.

 

 

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Als De Rubertis dem Grafen Pozza zum ersten Male (mit seinem Briefe vom 9. April 1853) über die slawischen Ansiedlungen im Molise berichtete, da pflichtete er der Meinung Trias bei, daß die Bewohner von Palata ursprünglich keine Slawen gewesen seien ; so wenig war also in dem ganz nahen Acquaviva die Tatsache bekannt, daß einst in Palata wirklich dieselbe Sprache gesprochen wurde wie in Acquaviva! In einem späteren Briefe (vom 14. Mai desselben Jahres) kommt aber De Rubertis auf den Gegenstand zurück (S. 33—38) und führt den Beweis aus, daß Palata tatsächlich eine slawische Kolonie gewesen sei; er beruft sich zunächst auf die oberhalb des Haupttores der Pfarrkirche befindliche Inschrift: [1]

 

Hoc Primum Dalmatiae Gentes Castrum incoluere ac Templum a fondamentis erexere Anno 1531,

 

dann auf einen von ihm im Notariatsarchive von Tavenna gefundenen Akt vom 25. Mai 1646, in welchem auch der Satz vorkommt:

 

La q.le T.ra della Palata avendola riconosciuta diligentemente, ho ritrovato, che stà molto scarsa di gente, e sono Schiavoni ... E detti Schiavoni si dicono venuti a lo tempo de lo Re Ferdinando I. et d’Aragona (S. 36);

 

 

1. Sie wurde zuerst von Tria (o. c. S. 513), der sie in etwas abweichender Lesart aus Palata mitgeteilt erhielt, herausgegeben: „Hoc primum Dalmatiae Gentis (sic!) incoluere Castrum Ac a fundamentis erexere Templum anno 1531“; Vegezzi-Ruscalla (S. 15) hat die Lesart des De Rubertis, jedoch fundamentis (statt fondamentis) und die Jahreszahl mit römischen Ziffern (MDXXXI); Dr. Smodlaka (Posjet, S. 18) und Baldacci (S. 45, Note 3) haben wiederum genau denselben Text wie Tria, nur daß anstatt des fehlerhaften gentis das richtige gentes steht, doch scheint es, daß keiner von ihnen die Inschrift selbst gesehen und abgeschrieben habe. Tatsächlich existiert sie nimmermehr! Was man heutzutage auf dem Hauptbalken über der Tür liest, ist die stark verwischte, von Tria (l. c.) mitgeteilte Inschrift:

 

Carolus V. Rex Hispanice Romanorum Augustus Clemens &c. Aguire Provinciœ Cantaliriœ Nobilis Cataneus prœdictœ Majestatis, & utilis Dominus Castri Patatœ in anno 1531“.

 

Darunter, auf einem zweiten Steine, ist heutzutage folgende Inschrift zu lesen: VERVM ANNO 1765 EX INTEGRO • PORTA REFECT. & INSTATIRATVM TEMPLVM; höchstwahrscheinlich wurde bei dieser Gelegenheit unsere Inschrift vernichtet, die sich nach Tria „nel finestrone sopra la porta“ befand, womit er wohl die halbkreisförmige Öffnung unmittelbar Uber dem Hauptbalken meint, die jetzt mit rohem Mauerwerk vermacht ist.

 

 

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endlich weist De Rubertis darauf hin, daß eine Lokalität bei Palata noch heutzutage Gradina [1] und ein Brunnen Križina heißen, also zwei echt slawische Namen tragen (S. 38) und hebt hervor, daß der letztere Name ausgesprochen wird: „Krisgina, da Krisg, che significa croce“, also mit slawischem ž ! Die Inschrift ist sehr wichtig, weil sie einmal die bestimmte Angabe enthält, daß unter den in dieser Gegend von Slawen besiedelten Ortschaften Palata die älteste war und — was noch wichtiger ist! — daß schon im Jahre 1531 die Slawen von Palata in so geregelten und ökonomisch günstigen Verhältnissen lebten, daß sie daran denken konnten, eine große, dreischiffige Kirche zu bauen; beides ist nämlich für die Lösung der Frage über die Zeit, wann die slawischen Kolonisten nach dem Molise kamen, von größter Wichtigkeit! Wahrscheinlich aber wurde Palata, jedenfalls einige Zeit vor dem Jahre 1531, von Slawen neu bevölkert, wie auch Acquaviva und San Felice, und ich glaube nicht, daß Piedimonte das Richtige trifft, wenn er meint (o. c. S. 49), daß die Slawen nur die Kirche gebaut hätten „per riconoscenza ed ospitalità avuta da’cittadini“; eine slawische Gründung war Palata jedenfalls nicht, denn sie erscheint schon in dem bereits zitierten Verzeichnisse aus den Jahren 1166—1189 und dann mehrere Male im Laufe des XIV. und XV. Jahrhunderts; im Jahre 1532, also ein Jahr nach dem Bau der Kirche, zählte die Ortschaft 34 Feuerherde, um bis zum Jahre 1575 auf 80 zu steigen; dann ging die Bevölkerungszahl stark zurück: nach dem oben erwähnten Notariatsakte aus dem Jahre 1648 gab es damals nur 20 Familien (Feuerherde) im Orte. Wahrscheinlich kamen dann Italiener hinzu (im Jahre 1669 gab es schon 31 Familien), denn spätestens im Jahre 1744 war Palata schon vollständig italianisiert: Tria (o. c. 513) sagt nämlich ausdrücklich, daß im Orte keine Spur der slawischen Sprache geblieben sei und nur italienisch gesprochen werde; dies erklärt uns, daß auch Galanti (daher auch Giustiniani) nichts davon weiß, daß Palata einst von Slawen bewohnt war.

 

 

1. Nach Piedimonte (o. c. S. 51) stand an dem Platze, der Gradina (oder Gravina) heißt, ein Dorf, was der slawischen Bedeutung des Wortes vollkommen entspricht.

 

 

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Nichtsdestoweniger sind einige kleine Spuren des Slawischen in Palata in einigen Ortsund Familiennamen geblieben: gradina und križina wurden erwähnt; in einem Briefe bei Comparetti (S. 45) führt De Rubertis aus Palata noch die Lokalität Poplavica („Poplaviza“) an, deren Namen er richtig als „Überschwemmung“ (d. i. ,den Überschwemmungen ausgesetzter Ort’) deutet. Kovačić (S. 318) hebt noch den sehr verbreiteten Familiennamen Berchicchi, d. i. Brkić hervor, zu dem auch der nicht weniger häufig vorkommende Zuname Staniscia, d. i. Stanisa nachzutragen ist; wenn er aber (S. 329) behauptet, er habe in Palata eine Frau gefunden, die serbokroatisch sprach und ein (von ihm dort mitgeteiltes) serbokroatisches Lied hersagte, so darf das nicht so gedeutet werden, als ob die Frau noch den einst allgemein in Palata gesprochenen serbokroatischen Dialekt behalten hätte; sie war gewiß entweder aus einer der noch slawischen Ortschaften gebürtig oder sie hatte im Verkehre mit den Molisaner Slawen deren Sprache oder auch dieses eine Lied gelernt. Kovačić behauptet allerdings etwas später (S. 331), daß er in Palata getroffen habe „wer noch serbisch spreche und ein altes Mütterchen, das ihm zwei schöne Lieder hersagte“, doch ist diese letztere Frau augenscheinlich dieselbe, die er auf S. 329 erwähnte, wo er ausdrücklich sie als die einzige Person bezeichnete, die in Palata serbokroatisch konnte, somit widerlegt er sich selbst oder drückt sich ungenau aus, wenn er sagt, daß er neben dieser Frau noch jemand in Palata kennen gelernt habe, der serbokroatisch spreche. Übrigens, wenn wir auch der vollkommen bestimmten Behauptung Trias keinen Glauben schenken wollten, wonach spätestens im Jahre 1744 niemand mehr in Palata serbokroatisch sprach, so steht es fest, daß, wie De Rubertis 30 Jahre vor Kovačić, so auch die ältesten gegenwärtig in Palata lebenden Leute nichts davon wissen, daß in Palata zu ihrer Zeit serbokroatisch gesprochen worden sei.

 

 

            § 21. (über Tavenna und Mafalda)

 

Ganz anders steht es dagegen mit Tavenna (slawisch Tàveala): hier ist wirklich erst in der allerneuesten Zeit das Serbokroatische vollständig verschwunden, weswegen es sehr begreiflich ist,

 

 

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daß die Bewohner von Tavenna von ihren (italienischen) Nachbarn noch immer ,Slawen’ genannt werden. Gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts wurde hier noch allgemein slawisch gesprochen, wie dies Galanti bezeugt: „Sono Schiavoni e parlano la loro lingua, che si vuole essere illirica (S. 100)“. Ja nach dem Zeugnisse des im Jahre 1805 zu Neapel erschienenen Dizionario geografico del regno di Napoli von Del Re soll dies noch im Anfänge des XIX. Jahrhunderts der Fall gewesen sein (vgl. Vegezzi-Ruscalla, S. 15); eine Bestätigung für die letztere Angabe finden wir auch in dem ebenfalls im Jahre 1805 erschienenen IX. Bande des Dizionario von Giustiniani, wo in bezug auf die Bewohner von Tavenna ganz dezidiert gesagt wird: „Sono di origine Albanesi, e parlano tuttavia la lor lingua“, für uns natürlich nur ein neues Zeugnis dafür, daß auch die gelehrten Italiener noch im vorigen Jahrhundert zwischen Slawen und Albanesen keinen strengen Unterschied zu machen verstanden. Denn, daß in Tavenna nicht etwa albanesisch, sondern serbokroatisch gesprochen wurde, unterliegt keinem Zweifel! De Rubertis (in seinen Lettere, S. 9) zählt Tavenna zu den slawischen Kolonien und, was noch mehr zu bedeuten hat, weiß er in einem Briefe bei Comparetti (S. 45) zu erzählen, daß in Tavenna zu dieser Zeit (d. i. im Jahre 1863) nur noch die Alten sowie einige Schüler von ihm slawisch sprachen. Vegezzi-Ruscalla (S. 15) hat dann ein Jahr später, ohne Zweifel auf Grund einer Mitteilung desselben De Rubertis (vgl. bei ihm S. 7) die Zahl dieser Greise, die unter sich slawisch sprachen, mit 60 angeben. Im Jahre 1875 sagt Rolando (S. 8): „. . . in Tavenna a memoria dei vecchi parlavasi ancora lo slavo, ma ora non è più noto che a ben pochi“. Kovačić fand dagegen (S. 322), daß nur „die Älteren“ slawisch sprechen, was jedenfalls zu allgemein gehalten sein dürfte. Dem von De Rubertis konstatierten Zustande entspricht jedenfalls viel besser, was Baldacci (S. 45) sagt: „In Tavenna wurde noch im Jahre 1875 das Slawische von einigen gesprochen (G. Marinelli, La Terra, Bd. IV, S. 1099), [1] und auch heute noch spricht es mancher Alte, wenn auch in einer derartig unvollkommenen Form, daß es nur schwer zu verstehen ist.“

 

 

1. Die Notiz dürfte wohl aus Rolando stammen.

 

 

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Meine Erkundigungen nach alten Leuten, die in Tavenna noch serbokroatisch, wenn auch nur radebrechend, sprechen würden, blieben aber erfolglos, und das ist wohl auch leicht zu verstehen, denn, wenn im Jahre 1864 nur noch 60 Greise serbokroatisch sprachen, so dürfte keiner davon 40 Jahre später noch am Leben gewesen sein. Somit dürfte wohl Kovačić (im Jahre 1884) die letzten Slawen in Tavenna sprechen gehört haben. Während wir also ziemlich genau die Zeit angeben können, wann die letzten Spuren des Slawischen in Tavenna verschwunden sind, können wir nicht erfahren, wann diese Ortschaft von den Slawen besiedelt wurde ; mir wenigstens und auch Giustiniani (Dizionario Bd. IX, S. 137) fehlt jede Nachricht darüber.

 

Über die am meisten nach Norden vorgeschobene Ortschaft Mafalda [1]) sagt Galanti (S. 83), daß die Einwohner „erano prima Schiavoni“, was somit zu bedeuten hat, daß sie um diese Zeit (Jahr 1781) nicht mehr slawisch sprachen; Giustiniani verzeichnet (VIII, 11 [Neapel 1804]), daß dieser Ort im Jahre 1457 unbewohnt war und „später“ durch Slawen neubevölkert wurde, die ihre Sprache zu seiner Zeit nicht mehr gebrauchten ; im Jahre 1532 zählte er 65 Feuerherde. Zur Bestätigung der Angabe Galantis kann man die beiden Ortsnamen Galavizza und Martavízza in der Nähe von Mafalda anführen; der erstere ist ohne Zweifel glavica „Hügel“, der zweite wohl ein mrtvica?

 

 

            § 22. (über S. Biase, Montelongo, S. Giacomo, Petacciato und Castropignano)

 

Neben diesen ein zusammenhängendes Ganzes bildenden Ortschaften kommen im Molise als serbokroatische Kolonien wenigstens noch drei isolierte Ortschaften in Betracht: San Biase südwestlich, Montelongo südöstlich und San Giacomo degli Schiavoni nordöstlich von Acquaviva. Daß San Biase ebenfalls eine slawische Kolonie war, scheint De Rubertis erst später erfahren zu haben, was leicht begreiflich ist, da dieser Ort mit Acquaviva in gar keinem Verkehre steht;

 

 

1. Der Ort hieß eigentlich Ripalta (auch Ripalda); zu Ehren aber der im Jahre 1902 geborenen italienischen Königstochter Mafalda nahm er den Namen der letzteren an, was spätestens im Jahre 1904 geschah (vgl. Piedimonte S. 53).

 

 

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somit nennt De Rubertis in seinen Briefen an Pozza aus dem Jahre 1853 San Biase unter den slawischen Siedlungen gar nicht; erst zehn Jahre später in einem Briefe an Ascoli (bei Comparetti S. 45) holt er das nach : wahrscheinlich hatte er inzwischen dies selbst in Erfahrung gebracht. Er hätte es auch bei Galanti (S. 87) oder bei Giustiniani (VIII, 132) finden können, doch ist sonst bei De Rubertis die Kenntnis dieser beiden Werke nicht zu konstatieren, in welchen übrigens nur gesagt wird, daß die Bewohner Schiavoni sind. Damit ist allerdings nicht gesagt, daß sie auch noch slawisch sprachen; letzteres ist aber wahrscheinlich, denn Ascoli (S. 76) hat noch im Jahre 1864 dort „die Überlieferung von dem slawischen Ursprünge des Ortes lebendig und mehrere slawische Wörter im italienischen Dialekt vorgefunden“ („A San Biase ... trovai viva la tradizione della origine slava, e parecchi vocaboli sopravviventi nel dialetto italiano“). Man kann somit annehmen, daß dieser Ort erst im Laufe der ersten Hälfte des vorigen Jahr, hunderts, also etwas früher als Tavenna, vollständig italianisiert wurde. Für San Biase läßt sich aber am allerfrühesten eine slawische Bevölkerung dokumentarisch nachweisen; Ascoli (S. 76) zitiert nämlich aus dem Bullettino delle Sentenze von San Biase, Nr. 3 (d. i. Band III), Jahr 1810, pag. 46—47, folgenden sehr wichtigen Satz:

 

„... esistono tuttavia le capitolazioni stipulate colla colonia degli Schiavoni chiamata dagli antichi baroni ad abitare il feudo (di San Biase) ... Le capitolazioni primordiali furono stipulate nel 1509 fra Girolamo Carafa ed i coloni Schiavoni.“

 

San Biase existierte spätestens im Jahre 1382, wie dies aus Piedimonte (S. 56) zu ersehen ist, der „nach alten Handschriften“ folgendes über die Ankunft der Slawen berichtet:

 

Nel 1508 passò (San Biase) alla famiglia Carafa, la quale chiamò una colonia di 32 famiglie di schiavoni a popolare il paese, essendo stato quasi distrutto ed abbandonato pel terribile terremoto del 6 dicembre 1456.“

 

Beide Zeugnisse stimmen somit gut überein : im Jahre 1508 wurden Herren von San Biase die Carafa, die sich sogleich darum kümmerten, in den verödeten Ort neue Bewohner zu bringen, was ihnen tatsächlich auch gelang,

 

 

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so daß sie schon im darauffolgenden Jahre mit den neuen Kolonisten den Pachtvertrag abschließen konnten.

 

Über Montelongo wußte dagegen De Rubertis von Anfang an, daß dies ursprünglich ein slawischer Ort war, doch merkwürdigerweise hat er seinen Gewährsmann nicht richtig verstanden, als er sagte, daß nach Trias Zeugnis noch zu dessen Zeiten (d. i. um das Jahr 1744) „ molti vecchi di Montelongo smozzicavano un gergo di lingua Slava“ (Lettere S. 18); Tria (S. 513) sagt vielmehr nur, daß in bezug auf die Bewohner von Montelongo „. . . vogliono, che siano di origine Schiavoni, e attualmente si appellano i Schiavoni di Montelongo“ (vgl. auch auf S. 290: . e vogliono che Monte longo venga abitato da’ Schiavoni, diversi degli Albanesi“; [1] wegen der „fama costante, che gli Abitatori di Montelongo siano Schiavoni di origine“, vermutet daher Tria, daß die Ortschaft zuerst von Italienern bewohnt, dann (zu gleicher Zeit wie Palata) von Slawen neubevölkert wurde, welch letztere dann hätten „lasciato il proprio linguaggio, ritenendone qualche parola.“ Aus Tria kann man somit höchstens schließen, daß zu seiner Zeit Montelongo sich etwa auf derselben Stufe befand, welche Ascoli in San Biase vorfand : man sprach schon italienisch unter Beibehaltung einiger slawischen Wörter. Galanti hat über Montelongo nichts Besonderes registriert; Giustiniani aber (Bd. VI, S. 101) hat aus Tria die Überlieferung des slawischen Ursprungs entnommen, an den er aber nicht glauben kann, weil die Bewohner zu seiner Zeit nicht . . . albanesisch sprachen!

 

San Giacomo degli Schiavoni ist die einzige slawische Kolonie, die bestimmt erst von den Slawen gegründet wurde. In dem (Sp. 58) schon erwähnten Manuskript des Monsignor Gianelli aus dem Jahre 1765 wird die Gründung dieses Ortes ziemlich breit erzählt:

 

San Giacomo: 1°. Nel governo di Monsig. Vincenzo Durante, eletto Vescovo di Termoli ai 4 Luglio 1539, vennero dalla Dalmazia uomini e donne, ahi quali,

 

 

1. Aus einer anderen Stelle (S. 310) ersieht man aber, daß auch Tria Slawen und Albanesen nicht gut unterschied: „Perche poi gl’ Albanesi, Epiroti, chiamati anche Schiavoni . . .”

 

 

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per difetto di coloni, diede il Vescovo ricovero nella sua Tenuta di S. Giacomo. Ed avendo manifestato il loro animo di volervi fissare il domicilio, nell’ anno 1564 si stipulò convenzione, colla quale dichiarò il Vescovo quello, che intendeva fargli godere, ed essi loro si obbligarono corrispondere le rate dei frutti, e prestare regolare servizio, come si scriverà nel notare lo stato presente del Feudo S. Giacomo. — 2°. Avendo la Mensa vescovile, come sopra si è detto per lunghissimo tempo goduto il possesso della Tenuta suddetta coll’ esercizio della giurisdizione ; verso la metà del XVI. secolo il Vescovo di quel tempo Vincenzo Durante, per la coltura del terreno lasciato in abbandono per lo scarso numero dei Naturali nelli luoghi contermini, permise, che vi fissassero il loro domicilio, e vi edificassero case alcuni Vomini e donne che poveri e meschini dalla Dalmazia erano approdati in questo lido dell’ Adriatico mare. Stabilirono la loro abitazione nella collina più elevata della Tenuta, eh’ è prossima alli confini, li quali la dividono dal Territorio di Guglionesi, ed è quattro miglia lontana da Termoli, dove alla prima formarono case più di paglia, che di pietre, ed edificarono la Chiesa dedicata all’ Apostolo S. Giacomo il maggiore, da cui presero il nome per la Terra, essendosi chiamato allora, e chiamandosi adesso S. Giacomo de Schiavoni.“

 

Wie also die Sache hier dargestellt wird, dürften die Slawen von San Giacomo später als die übrigen Molisaner Slawen nach Italien gekommen sein, wenn — wie wahrscheinlich — sie nicht lange vor dem im Jahre 1564 abgeschlossenen Pachtverträge bei Termoli landeten. Leider ist aus diesem Berichte nicht zu entnehmen, wie die Bewohner von San Giacomo um das Jahr 1765 gesprochen haben ; überhaupt sind wir über die weiteren Schicksale der slawischen Sprache in San Giacomo gar nicht informiert: bei Galanti und Giustiniani kommt merkwürdigerweise der Ort gar nicht vor; spätestens aber zur Zeit des De Rubertis war er gewiß schon vollständig italianisiert, denn (in den Lettere erwähnt er ihn, wohl nur zufällig, nicht!) in dem Briefe bei Comparetti (S. 45) zählt er auch diesen Ort zu denjenigen, wo nicht mehr serbokroatisch gesprochen wird.

 

 

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Jedoch die neueste slawische Kolonie im Molise ist Petacciato, nordwestlich von San Giacomo degli Schiavoni, worüber De Rubertis S. 38—39 berichtet, daß um das Jahr 1835 10 Familien aus Acquaviva nach der Stelle emigrierten, wo die Ruinen des alten Petacium inmitten eines großen Waldes standen; bald gesellten sich zu ihnen andere Emigranten aus den benachbarten Ortschaften, so daß in dem Jahre 1853 die Siedelung an 500 Bewohner hatte und eine eigene Pfarre bildete. Die meisten neuen Bewohner waren Italiener, so daß schon damals De Rubertis melden mußte, daß im Orte „pochi sono quelli che parlano la lingua slava (S. 39)“, — jetzt wohl keiner mehr! Vegezzi-Ruscalla, der auch diesen Ort unter den slawischen Kolonien registriert (S. 15), nennt ihn — wenn kein Druckfehler vorliegt ! — Petaccio und weiß (gewiß von De Rubertis), daß er eine neue Gründung ist; auf der italienischen Generalstabskarte lautet der Name ebenfalls Petacciato.

 

Zuletzt führe ich Castropignano im Bezirke von Campobasso an : der Ort heißt eigentlich Castropignano dei Bulgari, weswegen schon De Rubertis in einem Briefe an Vegezzi-Ruscalla (S. 9) an einen slawischen Ursprung desselben dachte, um so mehr, als er im dort gesprochenen Dialekte die unzweifelhaft slawischen Worte „did (died)“ für „Großvater“ sowie baba für „alte Frau“ konstatieren konnte; auch in einem späteren Briefe aus dem Jahre 1886 (bei Baldacci S. 47) sagt De Rubertis: „Es wurde mir versichert, daß die Bauern von Castropignano den Großvater mit dem slawischen oder bulgarischen Worte Did bezeichnen.“ Wenn dies richtig ist (vom dortigen Pfarrer wurde mir dies entschieden bestritten), so genügen schon diese zwei einzigen Worte, um den Beweis zu liefern, daß Castropignano tatsächlich einst, und zwar nicht lange vor der Mitte des XIX. Jahrhunderts noch eine slawische Bevölkerung besaß; das Wort did wiederum für sich allein genommen — die Richtigkeit der von De Rubertis angegebenen Form vorausgesetzt — spricht mit seinem i für urslawisches ě entschieden dafür, daß diese Slawen Serbokroaten und nicht Bulgaren waren. Allerdings ist es dann schwer zu begreifen, wie der Ort das Prädikat dei Bulgari bekam !

 

 

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Doch in Süditalien, speziell auch im Molise sind die Beispiele, wo eine Ortschaft ganz neue Bewohner bekommt, etwas so Gewöhnliches, daß es sehr leicht möglich wäre, daß Castropignano zuerst aus einem uns nicht mehr bekannten Grunde den Beinamen dei Bulgari erhielt, worauf erst später der Ort durch serbokroatische Kolonisten neubevölkert wurde, deren letzte Spur in dem Worte did (baba könnte auch bulgarisch sein!) fortlebt. Weder Galanti noch Giustiniani wissen etwas von hier angesiedelten Slawen.

 

 

            § 23. (Art und Zeit der Einwanderung)

 

Die Geschichte der slawischen Kolonien im Molise gibt uns, trotz unserer so mangelhaften Kenntnis derselben, einige wichtige Daten sowohl für die Erkenntnis der Art und Weise, wie diese Kolonisation vor sich ging, als auch für die Bestimmung der Zeit, wann sie stattgefunden hat. In ersterer Beziehung sehen wir, daß es sich dabei — wie sicher bei Acquaviva, San Felice und San Biase — wohl im allgemeinen um eine Neubesiedlung verödeter Ortschaften, beziehungsweise — wie bei San Giacomo — um eine solche unbebauter Ländereien handelte, deren Gebiet dadurch für den betreffenden Feudalherrn ertragfähig gemacht werden sollte. Höchst wahrscheinlich kann man ferner für alle diese Kolonisten dasselbe voraussetzen, was in bezug auf die Gründer von San Giacomo ausdrücklich bezeugt wird: es waren arme und beklagenswerte („poveri e meschini“) Leute, die in der Heimat ohne Zweifel den fortwährenden türkischen Anfällen nicht mehr Stand halten konnten und auf ihren eigenen oder von der venezianischen Regierung zur Verfügung gestellten Schiffen ein besseres Los über dem Meere suchten. Höchst wahrscheinlich aber wurden diese Flüchtlinge nicht gleich dort angesiedelt, wo sie ihren ständigen Sitz finden sollten, vielmehr dürften sich, in viel kleineren Verhältnissen, auch bei ihnen dieselben Vorgänge wiederholt haben, die überhaupt für die Besiedlungsverhältnisse Süditaliens so charakteristisch sind: Kriegs- und Hungersnot, Erdbeben, Krankheiten und Streitigkeiten mit den Feudalherren waren die Ursachen, daß vielfach ganze Ortschaften vollständig verödeten, zerstört oder verlassen wurden, um nach einiger Zeit neu aufzuerstehen und bevölkert zu werden!

 

 

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Das von Slawen und Albanesen gegründete Cerritello wird verlassen, um dem verödeten Acquaviva neues Leben zu geben; das schon einmal von den Slawen besetzte San Felice wird aufgegeben, um nach einigen Jahren von den Überlebenden wieder besetzt zu werden; eine kleine Schar Slawen zieht in der neueren Zeit aus Acquaviva aus, um zwischen den Ruinen von Petacciato eine neue Gemeinde zu gründen. Doch diese uns bekannten Wanderungen der Molisaner Slawen dürften schwerlich die einzigen gewesen sein, wenn auch die historischen Quellen uns darüber nichts zu berichten wissen; besonders für die erste Zeit nach ihrer Einwanderung vermute ich, daß sie durch längere Zeit hin- und herwandern mußten, bis sich geeignete Plätze für sie fanden, wo sie dann die Gemeinden gründeten, die anfangs geschlossene ethnographische Oasen bildeten, allmählich aber dem unvermeidlichen Assimilierungsprozesse an die benachbarte italienische Bevölkerung verfielen.

 

In den historischen Angaben über die Zeit der Einwanderung der Molisaner Slawen finden wir endlich auch eine Bestätigung für die auf Sp. 50 ff. begründete Ansicht, daß diese Einwanderung vor dem Ende des XV. Jahrhundertes nicht stattfinden konnte. Das älteste Jahr nämlich, in welchem neuere slawische Kolonisten im Molise erwähnt werden, ist das Jahr 1509, in welchem der Pachtvertrag zwischen ihnen und den Feudalherren von San Biase abgeschlossen wurde (vgl. Sp. 66). Doch San Biase war gewiß nicht der Ort, wo sie sich zuerst niedergelassen haben, somit sind sie höchst wahrscheinlich auch nicht erst im Jahre 1509 im Molise erschienen, denn San Biase ist unter den slawischen Kolonien des Molise gerade diejenige, die am meisten von der Meeresküste entfernt ist — fast noch einmal so weit als Acquaviva! Übrigens besitzen wir in der auf Sp. 61 angeführten Inschrift von Palata ein direktes Zeugnis dafür, daß nicht etwa San Biase oder das im Jahre 1518 schon von Slawen bewohnte San Felice, sondern speziell Palata die erste slawische Kolonie war: „hocprimum Dalmatiae gentes castrum incoluere“ heißt es auf dieser Inschrift, die die Jahreszahl 1531 trägt.

 

 

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Da wir absolut keinen Grund haben, an der Gleichzeitigkeit und Richtigkeit dieser Angabe zu zweifeln, so müssen wir sagen, daß die Slawen, welche zuerst Palata besiedelten, noch vor dem Jahre 1509 dort waren, und zwar nicht etwa bloß ein paar Jahre früher, denn es vergingen wohl mehr als zirka 20 Jahre, bis die neuen Bewohner von Palata sich ökonomisch so weit gehoben hatten, daß sie den Bau der großen dreischiffigen Kirche ausführen konnten. Ein Blick auf die geographische Verteilung der slawischen Kolonien im Molise läßt uns auch sogleich ganz begreiflich erscheinen, daß sich die neuen Kolonisten zuerst in Palata festsetzten; wenn man nämlich von dem später gegründeten San Giacomo absieht, ist unter den übrigen slawischen Kolonien Palata der Hafenstadt vom Molise, Termoli, am nächsten. Somit bekommen wir auch von dieser Seite eine Bestätigung dafür, daß die Molisaner Slawen erst um die Wende des XV. und XVI. Jahrhundertes, die ersten wohl schon in den letzten Jahren des XV. Jahrhundertes nach Italien einwanderten. Ich betone das Wort: die ersten von ihnen, denn es müssen nicht alle auf einmal gekommen sein; wenigstens wissen wir, daß die Slawen von San Giacomo unabhängig von den anderen und zweifelsohne erst knapp vor dem Jahre 1564 dorthin gelangten; was aber hier tatsächlich stattgefunden hat, kann auch sonst vorgekommen sein, und nach den ersten Einwanderern, die nach Palata dirigiert wurden, können ein oder auch mehrere Nachschübe gefolgt sein, die zur Gründung der übrigen slawischen Kolonien führten.

 

 

            § 24. (Erinnerungsfeier an die Einwanderung)

 

In bezug auf die Zeit der Einwanderung hat sich bei den Kolonisten selbst eine merkwürdige Tradition erhalten! De Rubertis spricht als erster davon (S. 18) :

„E siccome una costante tradizione c’insegna che le Colonie Slave giunsero in queste contrade nel primo Venerdì di Maggio, così, nel detto giorno di ogni anno, si usa nel nostro paese fare una solenne processione . . .“

An diesem Brauche wird in Acquaviva noch immer festgehalten, während in San Felice und Montemitro, wo man angeblich nicht mehr weiß, an welchem Freitag des Mai die Einwanderung stattgefunden habe, alle Freitage dieses Monats,

 

 

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besonders aber der erste und letzte, gefeiert werden; [1] nach Ascoli (S. 76) soll aus demselben Grunde in allen slawischen Kolonien der erste Freitag im Mai gefeiert werden, mit Ausnahme von San Giacomo, wo diese Erinnerungsfeier am letzten Freitag des April stattfinden soll; mir ist nur noch bekannt, daß in San Biase jeder, besonders feierlich aber der letzten Freitag im Mai, und zwar zu Ehren des Schutzpatrons St. Blasius, und in Mafalda der letzte Freitag gefeiert wird, während weder in Palata noch in Tavenna an irgendeinem von diesen Tagen eine Feier stattfindet; ebensowenig wird heutzutage in San Giacomo degli Schiavoni der letzte Freitag des April gefeiert. Die Erklärung, die man für diesen Brauch gibt, ist nichts weniger als einleuchtend ! Die neuen Kolonisten sollen die Erinnerung an den Tag festgehalten haben, an welchem sie in Italien landeten, denn es wird doch niemand daran denken wollen, daß sie in alle von ihnen bezogenen Ortschaften an einem und demselben Wochentage, nämlich an einem Freitag (des Monats Mai) eingezogen seien. Dies würde aber als notwendige Voraussetzung haben, daß alle Kolonisten zusammen die Überfahrt nach Italien unternommen und an demselben Tage auch gelandet seien, — eine Voraussetzung, die deswegen unhaltbar ist, weil wir wissen, daß wenigstens die Slawen von San Giacomo einige Dezennien später als die übrigen nach Italien kamen, und dennoch feierten auch diese einen Freitag, wenn auch nicht wie die übrigen im Monat Mai, sondern im Monat April. Schon dieses allgemeine Festhalten am Freitage, noch mehr aber die recht naive Erklärung der Tatsache, daß in San Felice und Montemitro alle Freitage des Mai auf ähnliche Weise gefeiert werden, spricht entschieden dafür, daß dieser Brauch höchst wahrscheinlich mit dem Tage der Einwanderung nichts zu tun, vielmehr einen ganz anderen Ursprung hat. Diesbezüglich leistet uns das Manuskript Giannelli (vgl. Sp. 58) vorzügliche Dienste, in welchem in der Beschreibung von San Giacomo der folgende dritte Punkt enthalten ist:

 

 

1. Minder richtig ist, was Baldacci (S. 54) berichtet, nämlich, daß aus diesem Anlasse in Acquaviva jeder, in San Felice und Montemitro nur der erste und der letzte Freitag im Mai gefeiert wird.

 

 

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„Secondo il costume degli Schiavoni, avevano per giorni festivi di precetto tutti li venerdì del mese di Maggio, nelli quali con esattezza sino allo scrupolo si astenevano li cittadini da ogni lavoro. Essendo però seguita con lettere apostoliche in forma di breve della S. M. di Benedetto XIV. la riduzione delle Feste in questo Regno; s’ incominciò mancare nell’ osservanza suddetta, ed ora la cosa si è ridotta al termine, che nè vogliono anche assistere alla Messa. In uno dei venerdi suddetti si conserva l’ uso di venire processionalmente in questa Città [d. i. Termoli] per adorare l’ immagine del SSmo Crocifisso nella Chiesa dei Riformati e per venerare il deposito di S. Basso nella Cattedrale.“

 

Ungefähr 100 Jahre vor De Rubertis hatte man also für das Feiern der Freitage im Monate Mai, wenigstens in bezug auf San Giacomo, eine ganz andere Erklärung, und man kann ohne Bedenken annehmen, daß letztere auch die allein richtige ist, denn durch sie wird ganz ungezwungen auch die Tatsache erklärt, daß in San Felice, Montemitro und San Biase ebenso wie bis zur Zeit Benedictus’ XIV. (1740 bis 1758) auch in San Giacomo, alle Freitage des Mai gefeiert werden, beziehungsweise gefeiert wurden, während infolge des oben erwähnten Breves Benedictus’ XIV. in diesem letzteren Orte sowie in den übrigen Kolonien diese Feier auf einen Freitag beschränkt wurde. Weswegen dann speziell in San Giacomo diese Feier, die noch im Jahre 1765 an einem Freitage des Mai stattgefunden hat, auf den letzten Freitag des April verlegt wurde, kann ich nicht sagen, ist schließlich auch irrelevant. Viel wichtiger dagegen wäre es zu erfahren, woher überhaupt dieser „slawische“ Brauch des Freitagsfeierns im Mai stamme, denn man könnte daraus vielleicht auch auf die Heimat der Kolonisten schließen ; leider konnte ich diesbezüglich nicht in Erfahrung bringen, daß irgendwo oder irgendwann auf serbokroatischem Gebiete derselbe Brauch herrsche oder geherrscht habe. Aus der Deutung also, die nach De Rubertis diesem Brauche gegeben wird, ist in bezug auf die Zeit der Einwanderung der Molisaner Slawen nichts zu folgern.

 

 

            § 25. (Ursprungsland)

 

Alles also, was wir über die Zeit der Einwanderung der Molisaner Slawen wissen,

 

 

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spricht entschieden dafür, daß das Gros derselben gegen Ende des XV. Jahrhundertes nach Italien kam, wobei sie zuerst Palata besetzten, dann im Jahre 1509 San Biase und 1518 San Felice, „um das Jahr 1537“ Acquaviva (nach Auflassung des früher innegehabten Cerritello), während mit der knapp vor dem Jahre 1564 erfolgten Gründung von S. Giacomo die direkte Einwanderung ihren Abschluß gefunden haben dürfte. Die Zeit der Einwanderung läßt sich also ziemlich genau und genügend sicher bestimmen; ebenso kann man mit ziemlicher Bestimmtheit auch das Land, beziehungsweise die Gegend angeben, woher die Molisaner Slawen gekommen sind.

 

Zunächst ist gar kein Zweifel darüber möglich, daß sie zum serbokroatischen Volksstamme gehören, somit aus einem serbokroatischen Lande ausgewandert sind; was Makušev und Drinov (vgl. Sp. 10 f.) über bulgarische Elemente in ihrer Sprache sagten, die uns dann zwingen würden, die Heimat der Molisaner Slawen in einem gemischten serbokroatischbulgarischen Grenzgebiet zu suchen, hat absolut keinen Grund, denn alle diese angeblichen „Bulgarismen“ sind ganz gewöhnliche serbokroatische Archaismen oder Idiotismen. Wenn wir aber weiter fragen, aus welchem serbokroatischen Lande diese Kolonisten stammen, so müssen wir selbstverständlich an das dem Meere und Süditalien am nächsten stehende Land denken, nämlich an Dalmatien. Daran müßten wir denken, wenn wir auch keine Zeugnisse darüber besitzen würden; aber wir haben solche Zeugnisse, denn, obschon die Urkunden und Schriftsteller in der Regel nur ganz im allgemeinen von Sclavi oder Schiavoni sprechen, bezeichnet die Inschrift von Palata die neuen Kolonisten als „Dalmatiae gentes“, und wir können ohneweiters annehmen, daß man in Palata im Jahre 1531 wohl wußte, woher diese Leute gekommen seien ; dasselbe wird auch für die Bewohner von San Giacomo in dem auf Sp. 58 erwähnten Manuskript bezeugt : „vennero dalla Dalmazia uomini e donne“ ; für die ersten und die letzten slawischen Kolonisten des Molise wird somit in guten Quellen übereinstimmend bezeugt, daß sie aus Dalmatien stammen, was gewiß bei dieser Frage sehr stark ins Gewicht fallen muß.

 

 

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Weniger ist dagegen darauf zu geben, daß — wie schon Dr. Smodlaka (Hrv. Misao S. 751) mitgeteilt hat — die Molisaner Slawen auf die Frage, woher ihre Vorfahren gekommen seien, einmütig die Antwort erteilen : d’ one bane mora (von jener Seite des Meeres), während mancher noch hinzufügt: „z Dalmacije“ ; der letztere Satz, mit welchem direkt auf Dalmatien hingewiesen wird, könnte nämlich erst in der allerneuesten Zeit aufgekommen sein, besonders seitdem Prof. R. Kovačić für die Anknüpfung von Beziehungen zwischen den Kolonien und dem Stammlande eifrig tätig war ; jedenfalls weiß De Rubertis von einer solchen Tradition nichts, auch dort nicht, wo er (bei Baldacci S. 47) gegen den angeblichen bulgarischen Ursprung der Kolonien auftritt. Wenn wir also mit Recht der Angabe der Inschrift von Palata Glauben schenken, so ist hiemit auch das Gebiet ziemlich enge begrenzt, das bei dieser Frage in Betracht kommen kann, denn höchstwahrscheinlich hat man unter dem „Dalmatia“ der Inschrift nur das dalmatinische Küstengebiet zwischen Kroatien im Norden und dem Gebiet von Ragusa im Süden zu verstehen: die Bocche von Cattaro hätte man schon zu dieser Zeit eher als „Albanien“ bezeichnet, und das Gebiet von Ragusa, wenn es auch nicht selten zu Dalmatien gerechnet wurde, ist so gut wie ausgeschlossen, weil aus demselben, so viel bekannt, nie die Auswanderung eines noch so geringen Teiles der Bevölkerung stattgefunden hat, am .allerwenigsten um diese Zeit, da Ragusa schon unter dem faktischen, wenn auch noch nicht offiziellen Schutze des türkischen Reiches stand. Aus ähnlichen Gründen können auch die dalmatinischen Inseln sowie die befestigten Küstenstädte auf dem dalmatinischen Festlande nicht in Betracht kommen, weil die Bevölkerung sowohl der ersteren, als auch der letzteren in den venezianischen Galeeren und Besatzungen genügenden Schutz gegen die vordringenden Türken fand, somit vor den letzteren nie in hellen Scharen flüchten mußte, wie dies die Bevölkerung des flachen Landes auf dem dalmatinischen Festlande tun mußte.

 

Während wir also schon auf Grund dieser historischen Zeugnisse berechtigt sind,

 

 

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die Heimat der Molisaner Slawen in Dalmatien zu suchen, spricht Gelcich (S. 10 und 16) die Ansicht aus, daß die Molisaner Kolonien durch diejenigen Montenegriner gegründet wurden, die in den Jahren 1513—1517, als nämlich Montenegro unter die unmittelbare Herrschaft der Türken gelangte, ihr Land verließen und durch die Venezianer von Budua aus nach Süditalien überführt wurden. Diese Ansicht ist aber vollkommen unbegründet: zunächst verstößt sie gegen die Tatsache, daß — wie wir gesehen haben (Sp. 66) — einige Jahre vor der ersten aus Montenegro stattgefundenen Auswanderung, nämlich schon im Jahre 1509, Slawen die vom Meere am meisten entfernte Ortschaft San Biase besetzten; noch mehr fällt aber ins Gewicht, daß der Dialekt der Molisaner Slawen mit dem montenegrinischen gar nichts zu tun hat: es genügt, darauf hinzuweisen, daß die Montenegriner jekavisch, die Molisaner dagegen ikavisch sprechen; und wenn man behaupten wollte, daß es im Anfänge des XVI. Jahrhundertes auf montenegrinischem Gebiete noch i-Sprecher geben konnte, die dann in Italien die angeblich ältere i-Aussprache beibehalten konnten, so muß dem gegenüber hervorgehoben werden, daß auch sonst der Molisaner Dialekt gar nichts enthält, was speziell als montenegrinisch bezeichnet werden könnte : so würden wir umsonst irgendeine Spur des Halbvokals oder der Endung -h im Gen. pl. der Substantive oder die spezifisch montenegrinischen Betonungsverhältnisse suchen. Dagegen findet man im Molisaner Dialekt manches, was uns direkt verbietet, an Montenegro zu denken; so vor allem die in den čakavischen Dialekten regelmäßig vorkommende Form crikva für „Kirche“, die nicht einmal in Süddalmatien, geschweige denn in Montenegro üblich war; ebenso die deutschen Lehnwörter rehtar „Richter“ und škare „Schere“, die, vom Norden kommend, nicht einmal das Gebiet von Ragusa erreichten. Endlich spricht entschieden gegen die Ansicht Gelcichs auch der Umstand, daß die Montenegriner Flüchtlinge gewiß Orthodoxe waren, während man mit gutem Grunde behaupten kann, daß die Molisaner Slawen schon bei ihrer Einwanderung der römisch-katholischen Kirche angehörten ; wären sie etwa — wie vielfach Griechen und Albanesen — erst in Italien zum Katholizismus übergetreten,

 

 

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so würde in ihrem Dialekt die Kirche nicht crikva, sondern crkva heißen, für „Johannes“ würde man höchstwahrscheinlich Jovan und nicht Jivan haben, welche Ausdrücke die Molisaner Slawen selbstverständlich nicht erst in Italien annehmen konnten, sondern mit sich mitgebracht haben. [1] Gelcich hat somit nur bewiesen, daß in den Jahren 1513—1517 auch aus Montenegro Slawen nach Süditalien ausgewandert sind, nicht aber, daß von diesen die Molisaner Kolonien gegründet worden seien. Allerdings ist es möglich, daß wenigstens ein Teil dieser montenegrinischen Flüchtlinge nach diesen schon bestehenden Kolonien gelangte; war dies tatsächlich der Fall, so muß ihre Zahl gegenüber den älteren Kolonisten eine so geringe gewesen sein, daß sie in den letzteren vollkommen aufgingen, ohne in der Sprache die geringste Spur ihres montenegrinischen Dialektes zu hinterlassen.

 

Es ist daher wohl daran festzuhalten, daß die Molisaner Slawen aus Dalmatien, und zwar, aus den kurz vorher angegebenen Gründen, vom flachen Lande des zwischen Kroatien und Ragusa gelegenen dalmatinischen Festlandes, d.i. aus dem Gebiete zwischen dem Velebit-Gebirge im Norden und dem Narenta-Flusse im Süden eingewandert sind, und es kann nur noch fraglich sein, in welcher Gegend dieses Gebietes ihre ursprüngliche Heimat zu suchen sei. Mit dieser letzteren Frage beschäftigte sich zuerst Dr. Aranza (vgl. Sp. 14), der ohneweiters die Vorfahren der Molisaner Slawen mit denjenigen Flüchtlingen identifizierte, die im Anfänge des XVI. Jahrhundertes aus der Umgebung von Zara nach den Marken und nach Apulien flüchteten; die Sache ist aber nicht so einfach, denn die Kolonien des Molise waren jedenfalls älter, da sie schon im Jahre 1509 (San Biase!) existierten. Auch der Umstand, daß in dem einen fragmentarisch erhaltenen Volksliede ein Ivan Karlović vorkommt, hat eigentlich keine große Bedeutung,

 

 

1. Der Ausdruck, der in diesem Punkte zuerst in Betracht kommen sollte, nämlich „der Christ“ (bei den Katholiken kršćanin, bei den Orthodoxen hrišćanin), hat sich leider im Molisaner Dialekt nicht erhalten, da es im Molise keine Nichtchristen gibt; und wenn man z.B. sagen will: „er ist ein guter Christ“, so sagt man: on je dobri čelade oder on je čeļade kršćeni.

 

 

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denn der Name ist nichts weniger als sicher bezeugt: der erste, der überhaupt dieses Lied erwähnt, ist De Rubertis (S. 13) und er nennt den Helden Ivan Dovice („Ivan Dovicze“); Ascoli, der die Laute c und ć genau unterscheidet, hat (S. 79) Ivan Karlovic („Ivan Carlovitz“, also mit Endbetonung); erst Makušev (Записки S. 48) hat Ivan Karlović (Иванъ Карловићь) ; ich habe ebenfalls nur Karlovićae gehört, dafür aber — immer in demselben Liede — anstatt Ivan Karlović auch dȉd Karlovíćae, ferner wurde mir auch mitgeteilt, daß ein vor mehreren Jahren in Acquaviva gestorbener Mann Kârlo Víća („Karl Vića“) hieß! Man sieht somit, daß es gewagt ist, diesen Namen aus unserem Volksliede mit ì dem kroatischen Banus Ivan Kârlović (mit Anfangsbetonung!) in Zusammenhang zu bringen, der am Ende des XV. und im Anfang des XVI. Jahrhundertes (er verzichtete auf seine Würde im Jahre 1524) sich in den Kriegen gegen die Türkei hervortat und von welchem, wie mir versichert wird, speziell in Norddalmatien von Zara bis zum Velebit noch heutzutage sehr viel in Volksliedern gesungen wird. Eher dürften nach Norddalmatien die (von Dr. Smodlaka in Posjet S. 39 erwähnten) Familiennamen Clissa (in San Felice und Montemitro), Lissa sowie Zara (in San Felice) hin weisen, denn sie sprechen wohl dafür, daß die betreffenden Familien eben aus Zara, beziehungsweise aus Lissa und Clissa (bei Spalato) stammten.

 

 

            § 26. (Ansicht Smodlakas)

 

Deswegen scheint es mir sehr beachtenswert, was Dr. Smodlaka über die Heimat der Molisaner Slawen (Hrv. Misao S. 751/2) vorgebracht hat:

 

„Als ich zum ersten Male die Kolonien besuchte, begleitete mich meine Frau, welche aus Makarska gebürtig ist und besser als ich das ,Küstenland' (Primorje) von Makarska kennt. Sobald wir die ersten Frauen sahen, bemerkte meine Frau, daß der Typus besonders der alten Frauen an denjenigen der Frauen aus dem Primorje erinnere, zum Teil auch die Kleidung, so besonders der weiße Kragen und das Kopftuch. Ohne diesem Umstande Wichtigkeit zu geben, fingen wir an, mit den Leuten zu konversieren, und zu unserer größten Verwunderung bemerkten wir, daß sie viele Wörter und Formen gebrauchen, die wohl im Primorje von Makarska,

 

 

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nicht dagegen in dem benachbarten, ebenfalls ikavischen Bezirke von Imotski gebraucht werden, aus welchem ich gebürtig bin. Beim weiteren Sprechen überzeugte ich mich noch mehr davon und schon nach meinem ersten kurzen Aufenthalt in der Kolonie war ich darüber im klaren, daß ihr Dialekt im Grunde der alte ikavische Dialekt des Primorje von Makarska ist, der zum Teil zum ragusanischen Dialekt hinneigt, nämlich etwa in der Mitte zwischen dem Dialekte des oberen (d. i. südlichen!) Primorje und dem zentralen Dialekte der Halbinsel Sabbioncello, — mit anderen Worten, daß man ihre Heimat im Primorje um den Kanal von Narenta zu suchen hat. Nachdem ich in Acquaviva 12 kroatische (oder höchstwahrscheinlich kroatische) Familiennamen aufgezeichnet hatte, bat ich nach meiner Rückkunft ins Vaterland die Pfarrer des Primorje von Makarska um Auskunft, ob in ihren Pfarren dieselben Familien Vorkommen. Der Erfolg übertraf meine Erwartung: von den 12 Familien existieren noch deren 7 im Primorje, und zwar 3 (Mirko, Peko und Tomić) in Gradac, dem Hauptorte des oberen Primorje, 2 in anderen Dörfern des Primorje (Mileta und Papić) und 1 in Trappano (Iveta). Eine Familie wiederum (Matijača) lebt in der Umgebung von Spalato und anderswo in der Provinz (d. i. in Dalmatien). Bei meinem zweiten Besuche habe ich den Dialekt und die alte Tracht eingehender untersucht und so scheint es mir jetzt, daß ich ohneweiters behaupten kann, daß die Heimat unserer Kolonisten, wenigstens der letzten und zahlreichsten, das obere (südliche) Primorje von Makarska ist, woher auch die östlichen Teile von Sabbioncello, dann der Inseln Lesina und Brazza besiedelt wurden. Der Reichtum an Ausdrücken, die sich auf die Pflege der Weinrebe, Feige und des Ölbaumes beziehen, verbietet, an eine unmittelbare Herkunft aus dem Binnenlande zu denken. Der Einfluß des ragusanischen Akzentes und die Benennung der Sprache ,naš jezik‘ (unsere Sprache) anstatt ,Kroatisch’ erlaubt es nicht, daß ihre alte Heimat weiter nach Norden verlegt werde, während andererseits die rein slawische ikavische Aussprache nicht zuläßt, daß man ihre Heimat ins Küstenland südlich von dem Narenta-Flusse verlege,

 

 

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welches im XVI. Jahrhundert, mit Ausnahme der Halbinsel Sabbioncello, ohne jeden Zweifel jekavisch war.“

 

In Ergänzung dazu sagt Dr. Smodlaka in Posjet S. 40:

 

„Jedenfalls spricht für die Herkunft aus dem oberen Primorje auch die Volkstradition, die sich bis heutzutage in Bačina erhalten hat nahe der Mündung des Narenta-Flusses, wo das Volk die Ruinen von Mirkos Palast (,Mirkovi dvori’) zeigt, von wo aus Mirko mit vielen Leuten über das Meer auswanderte. Und mit dieser Erzählung stimmt die in den Kolonien erhaltene Überlieferung vollkommen überein, daß nämlich ein gewisser vojvoda Mirko die Ansiedler nach Acquaviva gebracht habe, wo bis auf den heutigen Tag das zahlreiche Geschlecht der Mirkos die schönsten und fruchtbarsten Grundstücke besitzt.“

 

Ich habe die Ausführungen Dr. Smodlakas in bezug auf die Herkunft der Molisaner Slawen in wörtlicher Übersetzung vollständig wiedergegeben, weil die von Dr. Smodlaka zur Begründung seiner Ansicht ins Feld geführten Argumente nicht gleich stichhältig sind: die Ähnlichkeit im Typus sowie in der Tracht beweist nicht viel, denn in beiden Beziehungen stehen die Molisaner Slawen den Bewohnern des Primorje ebenso nahe wie denjenigen irgendeiner anderen Gegend des Küstenstriches zwischen dem Velebit und der Narenta. Aber auch die Gleichheit einiger Familiennamen hat nicht viel zu bedeuten: die Zunamen Jurić, Tomić, Brkić, Marković, Miletić, Radić, auch Mirković findet man in verschiedenen Gegenden Dalmatiens, so auch — wie mir Prof. Urlić aus Zara mitteilt — im Bezirke von Zara. Die Ausdrücke, die sich auf die Weinrebe, den Feigen- und Ölbaum beziehen, fallen nicht stark ins Gewicht, weil die Weinrebe so ziemlich in ganz Dalmatien bekannt ist, während Feigen- und Ölbaum wenigstens im ganzen Küstenstriche Dalmatiens gedeihen. Auch die Überlieferung, [1] welche nach Dr. Smodlaka zu berichten weiß, daß ein Mirko „mit vielen Leuten“ (s mnogim narodom) aus dem Narentatale übers Meer wanderte, scheint nicht sehr verbreitet zu sein,

 

 

1. Die Überlieferung, daß die Kolonisten von den Mirkos in die neue Heimat geführt wurden, erwähnt schon De Rubertis bei Comparetti S. 46.

 

 

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denn Prof. Urlić, der sich schon mehrere Male in Baćina längere Zeit aufgehalten hat und insbesondere um Mirko, den Herrn der zerstörten Mirkovi dvori, im Volke herumfragte, konnte nur erfahren, daß Mirko, der sich mit den Türken von Gabela (im Narentatale) verfeindete, in die Welt ging, um sich vor ihnen zu retten; von einer Auswanderung vieler Leute konnte Prof. Urlić von niemandem was hören! Wenn aber die Molisaner Slawen ihre Sprache nicht die „kroatische“ nennen, so ist das kaum als ein Argument bei der Bestimmung ihrer Heimat zu verwenden, denn, wenn nicht alle, so haben gewiß die meisten štokavischen i-Sprecher, so besonders in Bosnien und Slawonien, bis vor zirka 100 Jahren für ihre Sprache keinen nationalen, sondern nur einen regionalen Namen gehabt. In dieser Beziehung lege ich eine größere Wichtigkeit dem Umstande bei, daß im Molisaner Dialekt vlȁh „Bräutigam, Ehemann“, vlȁhińa „Braut, Ehefrau“ bedeutet (übrigens noch heutzutage z. B. in Imotski moja vlȁ[h]ińa — „meine Frau“), denn diese Ausdrucksweise dürfte kaum für die altansässige J Bevölkerung des damaligen venezianischen Dalmatiens aufgekommen sein.

 

 

            § 27. (aus dem Dialekte zu ziehende Schlüsse)

 

Somit reduzieren sich die Argumente, die Dr. Smodlaka zur Begründung seiner Ansicht über die Herkunft der Molisaner Slawen vorgebracht hat, eigentlich auf die sprachlichen Momente, welch letztere allerdings entschieden zugunsten seiner Ansicht sprechen. Die Molisaner Serbokroaten sprechen einen in seinen Grundzügen ausgesprochen štokavisch-ikavischen Dialekt; da wir nun — wie Sp. 78 gezeigt — mit vollem Grunde annehmen können, daß sie Ende des XV. Jahrhunderts aus dem dalmatinischen, zwischen dem Velebit-Gebirge und dem Narenta-Flusse gelegenen Küstenstriche ausgewandert sind, so muß die Frage lauten: wo hat man zu dieser Zeit in diesem Gebiete štokavisch-ikavisch gesprochen ? Auf  diese Frage gibt es bloß eine Antwort: nur zwischen dem Cetina- und dem Narenta-Flusse, d.i. im Primorje von Makarska und dem Narentatale, da nördlich davon von der altansässigen Bevölkerung gewiß nur čakavisch, südlich aber nur štokavisch-jekavisch gesprochen wurde.

 

 

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Allerdings könnte man auch daran denken, daß diese štokavischen i-Sprecher nicht zu den altansässigen, sondern zu der neueren Bevölkerung Norddalmatiens gehörten, die infolge der türkischen Kriege zum großen Teile die alte čakavische Bevölkerung ersetzte; doch dies scheint auch deswegen sehr wenig wahrscheinlich zu sein, weil die što-Sprecher Norddalmatiens ursprünglich nicht vor den Türken flohen, sondern in ihrem Gefolge kamen und die von den Türken innegehabten und von der altansässigen (čakavischen) Bevölkerung verlassenen Ortschaften besetzten. Erst später fingen die unter türkischer Botmäßigkeit lebenden (što-sprechenden) Christen an, vielfach auf venezianisches Gebiet überzugehen, wo sie in der Regel gerne aufgenommen und als Grenzwächter verwendet wurden. Infolge des im Laufe des XVI. Jahrhunderts unaufhaltsamen Vordringens der Türken mußten aber auch diese neuen venezianischen Untertanen, die man bekanntlich in Dalmatien zum Unterschiede von der altansässigen Bevölkerung „Morlaken“ (serbokroat. Vlasi) nannte, nicht selten das dalmatinische Festland verlassen und wurden dann zumeist im venezianischen Teile Istriens angesiedelt, wo sie bis auf den heutigen Tag nebst dem Namen Vlasi auch ihren štokavisch-ikavischen Dialekt beibehalten haben. Die erste der auf diese Weise nach Istrien dirigierten Expeditionen fällt aber erst in das Jahr 1525 (vgl. De Franceschi C., L’Istria [Parenzo 1879], S.357), so daß es schon deswegen wenig wahrscheinlich ist, daß die Molisaner Slawen ebenfalls zu den „Morlaken“ gehören, die, den Türken folgend, beziehungsweise vor ihnen fliehend, vom norddalmatinischen Festland übers Meer gingen. Gegen eine solche Annahme spricht ferner auch der Umstand, daß die Molisaner Slawen eben nicht auf venezianisches Gebiet flüchteten, was eher dafür spricht, daß sie auch aus einer Gegend kamen, die nicht zum venezianischen Gebiet gehörte, was tatsächlich mit dem Primorje von Makarska und dem Narentatale der Fall war; beide Gegenden gehörten nämlich seit dem Jahre 1324 zum bosnischen Königreiche und kamen bei dessen Untergange (im Jahre 1463) unter türkische Herrschaft, unter welcher sie eben um die in Betracht kommende Zeit auch standen.

 

 

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Wenn aber die Molisaner Slawen zu der altansässigen Bevölkerung Dalmatiens gehörten, so können wir ihre Heimat wegen ihres štokavischen Dialektes unmöglich nördlich vom Cetina-Flusse suchen, da hier ursprünglich nur čakavisch gesprochen wurde, aber, ebensowenig können wir sie in denjenigen ikavischen Gegenden suchen, die südlicher vom NarentaFlusse gelegen sind. In letzterer Beziehung könnte es sich nur um die westliche Hälfte der Halbinsel Sabbioncello sowie um die Insel Curzola handeln ; hier wird nämlich allerdings ein ikavischer Dialekt gesprochen, den man insoferne auch zu den štokavischen rechnen kann, als hier seit jeher nur što gesprochen wird ; in einigen wesentlichen Punkten (Betonung, Reflexe für urslaw. tj-dj, Kasusendungen usw.) stimmt aber dieser Dialekt mit den čakavischen Mundarten überein, weswegen er auch mit Recht, zusammen mit dem jekavischen Dialekt der Insel Lagosta zu den südlichsten čakavischen Dialekten gerechnet wird. An diesen südlichsten ikavischen Dialekt kann man aber schon deswegen nicht denken, weil im Molisaner Dialekt die palatalisierten Gruppen st-sk, zg ein št-žd (vgl. § 60) ergeben, während im südlichsten ikavischen Dialekte daraus — wie im Čakavischen — šć-žj wird. Übrigens haben aus dem Gebiete des südlichsten ikavischen Dialektes Auswanderungen in etwas größerem Umfange nie stattgefunden, weil der Anlaß dazu fehlte : die Halbinsel Sabbioncello gehörte zu dem den türkischen Einfällen nicht ausgesetzten Gebiete der Republik Ragusa und die Insel Curzola wurde wohl wie alle Inseln des südlichen adriatischen Seebeckens von den berberischen Seeräubern hie und da heimgesucht, aber die Bevölkerung suchte dann einen Schutz in den von der Küste entlegeneren Schlupfwinkeln und verließ nicht den heimatlichen Boden, wo sie im allgemeinen im Frieden leben konnte. Deswegen bin ich fest überzeugt, daß die Molisaner Slawen mit dem Gebiete von Ragusa, bezw, mit dem ragusanischen Dialekt nichts zu tun haben; und wenn Dr. Smodlaka, wie wir gesehen haben (Sp. 80), von einer Beeinflussung durch den ragusanischen Akzent spricht, so ist dies nicht richtig, denn die Eigentümlichkeit des ragusanischen Dialektes in bezug auf die Betonung bestellt darin,

 

 

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daß bei kurzer Endsilbe ein kurzer, die vorletzte Silbe treffender steigender Akzent eines zweisilbigen Wortes verlängert (vòda > vóda) und eines melir als zweisilbigen Wortes zu einem fallenden Akzent wird (sramòta > sramȍta), während bei den 7-Sprechern von Sabbioncello auch in diesem letzteren Falle der Akzent verlängert wird (sramòta > sramóta). Mit dieser Eigentümlichkeit hat aber die Betonung des Molisaner Dialektes nichts gemein ; allerdings finden wir auch hier vielfach eine Verlängerung ursprünglich kurzer Akzente, doch hat letztere Erscheinung einen ganz anderen Ausgangspunkt und auch einen ganz anderen Umfang (vgl. § 76). Der Dialekt der Molisaner Slawen hilft uns aber, auch in dem als ihre Heimat angenommenen Gebiete letztere noch näher zu lokalisieren. Ich weiß nicht, an welche Wörter Dr. Smodlaka dachte, als er meinte, sie seien wohl im Primorje von Makarska, nicht aber im Bezirke von Imotski bekannt — als ich ihn darüber interpellierte, antwortete er mir, daß er sich deren nicht mehr erinnere ; als feststehend kann aber betrachtet werden, daß der Molisaner Dialekt mit dem gegenwärtig im Primorje gesprochenen nicht identifiziert werden kann, denn auch im letzteren ergeben die palatalisierten urslawischen Gruppen stj-sk-zg ein žć-žđ, nicht aber št-žd wie im Molisaner Dialekt. Deswegen möchte ich die Heimat der Molisaner Slawen, bezw. der Majorität unter denselben, der etwa kleinere Gruppen anderer Herkunft sich assimilierten, speziell nach dem dalmatinischen Narentatale verweisen, wo noch heutzutage die regelmäßigen Vertreter dieser Gruppe št-žd sind. Es ist auch wahrscheinlicher, daß aus dem zwischen dem Cetina- und Narenta-Flusse gelegenen Gebiete zunächst die Bewohner des Narentatales veranlaßt werden konnten, auszuwandern, weil ihr Gebiet den durch das breite untere Narentatal vordringenden Türken leicht zugänglich war, während der Weg ins Primorje von Makarska über das unwegsame Biokovo-Gebirge führte ; im letzteren fanden auch die Bewohner des Primorje reichlich Gelegenheit, sich zu verstecken, dagegen bot das vollkommen ebene Gebiet an der Mündung des Narenta-Flusses keine Schlupfwinkel.

 

 

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Die Gruppen št-žd im Dialekte der Molisaner Slawen haben somit eine große Wichtigkeit, weil sie den sicheren Beweis liefern, daß diese Kolonisten aus einer Gegend stammen, wo in der Hauptsache ein rein štokavischer (ikavischer) Dialekt gesprochen wurde, der somit nicht zu denjenigen ikavischen Dialekten gehören konnte, in welchen man — wegen der diesen Gruppen entsprechenden Reflexe šć-žđ — štokavisch-čakavische Übergangs- oder Mischdialekte sieht. Dasselbe wird auch dadurch bestätigt, daß in diesem Dialekte ein (čakavisches) j für urslav. dj nur ausnahmsweise vorkommt (vgl. § 59). Von dieser Seite würde also die von mir vorgeschlagene nähere Lokalisierung des Molisaner Dialektes der ursprünglichen Verteilung der serbokroatischen Dialekte gut entsprechen, denn es kann kaum bezweifelt werden, daß auch in älterer Zeit wie noch heutzutage im Narentatale selbst und südlich davon nur solche Dialekte gesprochen werden, die eben die Gruppen št-žd, beziehungsweise den Laut đ (für urslaw. dj) bieten. Für eine solche Lokalisierung des Molisaner Dialektes scheint mir endlich auch der Umstand zu sprechen, daß in demselben wortanlautendes v + Halbvokal im Verbum vazeti (vъzęti) wohl zu va-, dafür aber in uzme (vъzmy) „Ostern“, sowie upijat (vъpiti) „schreien“ zu u- wird, also in zwei Fällen, wo sonst u- nur in den südlichsten štokavischen Dialekten konstatiert werden kann (uzam im Ragusaner Lektionarium des N. Raffina aus dem Jahre 1508, upiti noch heutzutage in Montenegro).

 

 

            § 28. (aus dem Dialekte zu ziehende Schlüsse - 2)

 

Allerdings kommen daneben im Molisaner Dialekt auch solche Eigentümlichkeiten vor, die sonst in der Regel nur in (nordwestlichen) Mundarten Vorkommen und als Argument dafür angeführt werden können, daß unsere Kolonisten doch aus einer mehr nördlichen Gegend stammen ; ich rechne hieher vor allem die so charakteristische Form crȋkva für „Kirche“, dann den Ausdruck hiža für „Haus“, ferner die Formen mȁlin „Mühle“ und nȉšće „nichts“, endlich auch die beiden deutschen Lehnwörter škȁre „Schere“ und (veraltet) rȅhtar „Richter“ (vgl. § 112), denn alle diese Ausdrücke, beziehungsweise alle diese Formen werden heutzutage tatsächlich nur in den nordwestlichen Gegenden gebraucht.

 

 

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Das Vorkommen dieser sonst čakavischen Ausdrücke und Formen im Molisaner Dialekte läßt sich auf zwei verschiedene Weisen erklären : entweder wurden sie schon in Dalmatien von der štokavischen Bevölkerung des Narentatales infolge des Verkehres und einer eventuellen Mischung mit čakavischen Elementen aufgenommen, oder das geschah auf demselben Wege erst in Italien; im letzteren Falle müssen wir natürlich die Möglichkeit zugeben, daß hier Flüchtlinge auch aus anderen, čakavischen, Gegenden Dalmatiens mit dem Gros der Narentaner što-Sprecher zusammentrafen. Mir scheint jedenfalls das erstere wahrscheinlicher, denn während der Zeit, als das Primorje von Makarska und das Narentatal zu Altkroatien gehörte, d. i. von Mitte des XI. bis Anfang des XIV. Jahrhunderts, konnte es leicht geschehen, daß eine Minorität von što-Sprechern in mancher Beziehung sich auch sprachlich der großen Majorität der ča-Sprecher Altkroatiens näherte. In dieser Meinung bestärkt mich auch der Umstand, daß einige dieser Čakavismen in mehreren dem dalmatinischen Narentatale nahe gelegenen, sonst ebenfalls štokavischen Gegenden noch heutzutage Vorkommen ; so wird crȋkva auch im Primorje von Makarska, škȁre in Vrgorac sowie in Ļubuški (Herzegowina), dann in Metković im Narentatale selbst gesprochen; rihtar, malin und nišće kann ich allerdings aus diesen Gegenden nicht bestätigen, aber wenn nicht rihtar, so finden wir bei dem aus Spalato gebürtigen Schriftsteller M. Marulić (1450 bis 1524) das deutsche vahtar für „Wächter“, und bei seinem Zeitgenossen, dem Ragusaner Š. Menčetić, finden wir sogar frava für „Frau“; hiža wiederum kommt sowohl bei Marulić, als auch in einer ragusanischen Urkunde aus dem Jahre 1423 vor (vgl. akad. Wtb s. v.) sowie beim ragusanischen Schriftsteller A. Čubranović aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrhundertes (in seiner Jeđupka, Vers 596). Es ist daher leicht möglich, daß in älterer Zeit ebenso wie crikva, hiža und škare, so auch malin, nišće und rihtar bis zum Narentatale reichten, denn das steht fest, daß auf dem dalmatinischen Festland der čakavische Dialekt und die čakavischen Eigentümlichkeiten seit den durch die Türkenkriege verursachten Umwälzungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung

 

 

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immer mehr vor dem Štokavischen und den štokavischen Eigentümlichkeiten an Boden verloren. Insbesondere ist das Vorkommen von škare bis ins Narentatal, beziehungsweise dasjenige von vahtar bei Marulić und von frava bei Menčetić deswegen wichtig, weil wir daraus sehen, daß, wenn auch die beiden deutschen Lehnwörter škare und rehtar im Molisaner Dialekt Vorkommen, es deswegen gar nicht notwendig ist, daran zu denken, daß die Vorfahren der Molisaner Slawen aus einer nördlicheren Gegend ausgewandert seien, die dem Einflüsse des Deutschen mehr ausgesetzt sein konnte als etwa das Narentatal.

 

Aus dem Bestände der italienischen Lehnwörter kann man so gut wie keine Schlüsse ziehen; die meisten wurden erst im Molise angenommen, haben daher die in der italienischen Literatursprache oder im neapolitanischen Dialekt übliche Form als Grundlage; doch haben die Kolonisten schon aus Dalmatien einige italienische Lehnwörter mitgenommen, die dann der venezianischen Form entsprechen, so z. B. grȃbeše „Hosen“, was durch Metathese aus brageše entstanden ist, welches dem venezianischen (braghesse) entnommen wurde; man wollte deswegen (so Prof. Urlić) auch darin ein Argument für die Herkunft der Molisaner Slawen aus einer nördlicheren Gegend finden, weil brageše heutzutage wohl in Istrien, nicht aber in Dalmatien üblich ist; doch in früherer Zeit war es anders und brageše (in der Diminutivform bragešice) kommt auch in den Komödien des Ragusaners Marin Držić († 1567) vor, obschon heutzutage auch in Ragusa — wie auch in Dalmatien — für „Hosen“ nur gaće üblich ist. Deswegen ist kaum eine größere Bedeutung dem Umstande beizumessen, daß das im Molisaner Dialekt vorkommende ćićerat „schwätzen, sprechen“ (aus ital. chiacchierare), wie es scheint, nur noch in Istrien (ich habe es für den Dialekt der Ćići bezeugt) üblich ist.

 

Wenn wir also das ganze über die Heimat der Molisaner Slawen Gesagte reassumieren, so ergibt sich wohl als Schlußfolgerung, daß sie ohne Zweifel aus dem Küstenstriche des dalmatinischen Festlandes zwischen dem Cetina- und dem Narenta-Flusse ausgewandert sind,

 

 

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und zwar höchstwahrscheinlich aus dem Narentatale, da einige sehr charakteristische Merkmale für eine solche Lokalisierung sprechen, während keine sicheren Argumente für die Versetzung ihrer Heimat nach Norddalmatien angeführt werden können.

 

 

            § 29. (Zahl der Kolonisten)

 

Es ist bis jetzt noch nicht die Frage aufgeworfen worden : wie zahlreich die Molisaner Slawen bei ihrer Einwanderung im Molise gewesen sein dürften ; die Frage ist auch viel leichter zu stellen als zu beantworten! Doch einen gewissen Anhaltspunkt geben die ältesten Angaben über die Zahl der in den verschiedenen slawischen Ortschaften gezählten Feuerherde. Die mir zugänglichen Zählungen geben folgende Zahlen :

 

Acquaviva im Jahre 1532 hatte 40 Feuerherde

San Felice „ „ 1542 „ 39 „

Montemitro „ „ 1595 „ 34 „

Palata „ „ 1532 „ 34 „

Mafalda (Ripalta) „ „ 1532 „ 65 „

San Biase „ „ 1509 „ 30 „

_______________

somit im ganzen 242 Feuerherde

 

Für die erste Hälfte des XVI. Jahrhundertes bekommen wir somit für diese sechs Ortschaften (mit Einbeziehung Montemitros !), die höchstwahrscheinlich zu den schon seit einigen Dezennien im Molise existierenden slawischen Kolonien zu nehmen sind, eine Gesamtzahl von 242 Feuerherden oder von zirka 310 Feuerherden, wenn wir für Tavenna und Montelongo, in bezug auf welche sich bei Giustiniani keine darauf bezüglichen Angaben finden, je 35 Feuerherde hinzurechnen. Wenn wir voraussetzen, daß um diese Zeit alle Familien in diesen acht Ortschaften slawisch waren (was gar nicht sicher ist, denn es konnte sich in mancher Ortschaft durch einige Zeit eine italienische Minorität erhalten haben!), und auf jeden Feuerherd durchschnittlich höchstens 10 Personen rechnen, so ergibt das im ganzen eine Gesamtzahl von ungefähr 3100 Individuen.

 

Mit dieser Zahl wollen wir diejenige der jetzt im Molise lebenden Serbokroaten vergleichen. Nach der Volkszählung vom Jahre 1901 wurden in den drei Kolonien gezählt:

 

 

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in Acquaviva 2212, in San Felice samt Montemitro 2670, somit zusammen 4882 Personen, [1] von welchen aber zirka 700 in Amerika sich befanden, nämlich zirka 400 aus Acquaviva, zirka 200 aus San Felice und 106 aus Montemitro. Doch auch nicht alle Einwohner der drei Ortschaften kann man zu den Serbokroaten zählen, so zunächst die meisten Gebildeten nicht, da sie in der Familie und unter sich schon fast ausschließlich italienisch sprechen: außerdem gibt es in San Felice 30 und in Montemitro 14 Familien, die aus den benachbarten italienischen Ortschaften eingewandert sind. Allerdings behauptet Dr. Smodlaka (Hrv. Misao, S. 755), daß „die paar hundert italienischer Familien, die in den letzten 50 Jahren nach San Felice kamen, schon durchwegs slawisiert sind und die Kinder sich kaum italienisch auszudrücken vermögen“ ; doch dürfte dies etwas übertrieben sein, weswegen ich auch der Annahme Baldaccis (S. 45) beipflichte, daß ein Zehntel der Gesamtbevölkerung schon italienisch sein dürfte, so daß man dann die Gesamtzahl der Molisaner Serbokroaten für das Jahr 1901 mit zirka 4300 angeben kann, von welchen zirka 3600 zu Hause und zirka 700 in Amerika lebten. Gegenwärtig dürfte ihre Zahl sogar auf 4500 gestiegen sein ; somit ist die Zahl der jetzt in den drei letzten Kolonien lebenden Molisaner Serbokroaten viel größer als ihre ursprüngliche Zahl kurz nach der Einwanderung und viermal größer als speziell die Zahl, die uns die Einwohnerzahl dieser drei Ortschaften im XVI. Jahrhundert (113 Feuerherde mit zirka 1100 Personen) darstellt. Dies bedeutet aber nur, daß die Zahl der Einwohner auch in diesen Ortschaften, wie überall sonst, gestiegen ist, nicht aber, daß speziell die Molisaner Serbokroaten sich verbreiten, denn, wie wir gesehen haben, verlieren sie immer mehr an Boden, indem ihre Kolonien eine nach der andern italianisiert werden.

 

 

1. Baldacci S. 45; nach Auskünften der betreffenden Gemeinden sollen in San Felice 1645, in Montemitro 945 Personen gezählt worden sein, was die Gesamtzahl von 2590 ergeben würde, somit um 80 weniger, als bei Baldacci steht.

 

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