Die serbokroatischen Kolonien Süditaliens
Milan Rešetar
(A.) Historisch-ethnographischer Teil.
IV. Land und Leute.
§ 30. — Verkehrsverhältnisse und Bodenbeschaffenheit (Spalte 91)
§ 32. — ökonomische Verhältnisse 100
§ 33. — physische Eigenschaften 101
§ 34. — geistige Eigenschaften 104
§ 39. — Bräuche 119
§ 40. — Festtage 121
§ 41. — Volkslieder und Volksmusik 125
§ 42. — Volkserzählungen und Sprichwörter 129
§ 43. — Aberglauben; Spiel und Tanz 130
(Album):
1. Acquaviva-Collecroce 91
2. Piazza Italo-slava in Acquaviva 94
3. Via Troche in Acquaviva 95
4. Via Fontana in Acquaviva 98
5. Alter Friedhof in Acquaviva 99
6. Auf dem Wege von Acquaviva nach S. Felice 101
7. Eine Gasse in S. Felice 103
8. Blick von S. Felice auf Montemitro 105
9. Montemitro 107
10. Haustor in Montremitro 110
11. Frauen und Kinder aus Acquaviva 113
12. Alter Mann aus Acquaviva 115
13. Alte Frau aus Acquaviva 118
14. Feldarbeiter mit Pflugjoch aus Acquaviva 119
15. Spinnende Frau aus Acquaviva 121
16. Frau aus Acquaviva nach S. Felice reitend 123
17. Slawische Pilgerin 126
18. Prozession am 22. September in Acquaviva 127
19. Prozession am St. Michael-Tag (29. September) in Acquaviva 129
20. Dreschen von Mais bei Acquaviva 131
21. Rückkehr von der Weinlese nach Acquaviva 133
22. Trocknen von Wäsche bei Acquaviva 135
23. Sängerchor vom 1. Mai in Acquaviva 137
§ 30. (Verkehrsverhältnisse und Bodenbeschaffenheit)
Bis zum Jahre 1880 war es sehr schwer, sich einen Weg bis zu den serbokroatischen Kolonien des Molise zu bahnen, weil es ganz einfach keine Wege gab! Insbesondere war es beschwerlich, sie von dem Hauptort desjenigen Kreises (circondario) zu erreichen, zu welchem sie in politisch-administrativer und in gerichtsbehördlicher Beziehung gehören, nämlich von der kleinen Stadt Larino aus, wie dies auch Kovačić sowie Baudouin erprobten, als sie sich von dort nach Acquaviva begaben,
Acquaviva-Collecroce. Phot. S. v. Rešetar.
da man nicht nur den 19 km messenden Weg, der eben kein Weg war, per pedes apostolorum oder höchstens auf einem Maultier oder Esel reitend zurücklegen, sondern auch den Biferno-Fluß durchwaten mußte, über welchen keine Brücke führte. [1] Seitdem aber im Jahre 1880 die Straße eröffnet wurde, die Palata, den Hauptort des Gerichtsbezirkes, zu welchem Acquaviva gehört, mit dem Hafenort Termoli verbindet, worauf dann im Jahre 1895 auch die Strecke Palata—Acquaviva—Castelmauro vollendet wurde, kann man von dem an der Eisenbahnlinie Ancona—Brindisi liegenden Termoli aus wenigstens Acquaviva-Collecroce bequem per Wagen erreichen.
1. Daraus ergab sich in der Sprache unserer Kolonisten die stehende Phrase „prôć vȍdu“ für „vor Gericht verklagen“, denn, um eine Klage beim Gerichte von Larino anbringen zu können, war es notwendig „über das Wasser“, d. i. über den Biferno zu gehen.
(Spalte 92)
In zirka zwei Jahren wird aber auch die Fahrstraße fertig sein, die letzteren Ort mit Larino verbinden wird, was für unsere Kolonisten von großer Wichtigkeit ist, weil sie auf diese Weise nicht nur Larino, den Sitz ihres Gerichtshofes und der politischen Behörde erster Instanz (sottoprefettura), sondern von dort aus mit der von Termoli nach Campobasso führenden Eisenbahn auch die Hauptstadt ihrer Provinz bequem erreichen können. Auf diese Weise wird Acquaviva, nachdem die neue Straße nach Larino so trassiert wurde, daß die frühere sehr steile Zufahrtstraße, die von der Fahrstraße Palata—Castelmauro in den Ort führte, umgangen wurde, sehr bequeme und gute Verbindungen auf der einen Seite mit dem Meere (Termoli) und auf der anderen mit Larino und Campobasso haben. Dagegen stehen die beiden anderen Kolonien noch immer außerhalb jeder Straßenverbindung, so daß man zu ihnen noch immer nur entweder auf elenden, sehr steinigen Saumpfaden oder, wenn man letzteren ausweichen will, quer über Wiesen und Felder gelangen kann.
Die noch vorhandenen und einstigen serbokroatischen Kolonien der Provinz Campobasso befinden sich in demjenigen Teile der Provinz, der zwischen den Flüssen Trigno im Norden und Biferno im Süden von den Apenninen im Westen zum Meere in östlicher Richtung sich erstreckt und mit Ausnahme eines sehr engen flachen Küstenstriches von Abhängen der Apenninen eingenommen wird, so daß sich ein allmähliches Sinken des Terrains in der Richtung zum Meere und ein ebensolches Steigen in entgegengesetzter Richtung ergibt. Da nun diese Neigung des Terrains eine, entsprechend dem Laufe der Apenninen, nordöstliche Richtung einnimmt, weswegen auch sowohl der Trigno als auch der Biferno dieselbe Richtung verfolgen, so ergibt es sich,
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daß die dem Meere am nächsten stehende serbokroatische Kolonie, nämlich San Giacomo degli Schiavoni, eine Seehöhe von nur 169 m hat, während die vom Meere am weitesten vorgeschobene und von San Giacomo südwestlich gelegene Kolonie San Biase schon 966 m hoch liegt. Die drei erhaltenen Kolonien, die sich ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden äußersten Punkten befinden, nehmen ungefähr auch die Mitte des Seehöhenunterschiedes zwischen den beiden Ortschaften ein; besonders stimmt dies gut in bezug auf San Felice Slavo mit 548 m und Montemitro mit 510 m, während Acquaviva mit 440 m Seehöhe schon etwas tiefer liegt, weil es nicht, wie die übrigen Ortschaften im Lande, auf der Spitze eines Hügels gebaut wurde, sondern an einem Abhange dort, wo sich eben eine Quelle guten Trinkwassers fand.
Das Land vom Meere bis zu den drei Kolonien ist ein ausgesprochenes Hügelland, so daß man von der Spitze eines jeden Hügels aus um sich herum eine ganze Reihe von niedrigeren und höheren Hügeln sieht, zwischen welchen sich bald engere und bald breitere Täler ziehen. Hügel und Täler sind durchwegs mit Grün bedeckt, obschon die Gegend wasserarm ist, da Quellen sehr selten sind, daher auch die in den Tälern fließenden Bäche einen großen Teil des Jahres gar kein Wasser führen. Es sind zumeist Felder und Wiesen, zum Teil auch Wein- und Obstgärten, die das Terrain bedecken, während der Wald hier noch ziemlich selten vorkommt. Man kann somit leicht begreifen, daß auf einen, der aus dem an Vegetation so armen Dalmatien kommt, die Landschaft den Eindruck eines sehr reichen Landes machen muß, während in der Tat „die Provinz Compobasso zu den ärmsten und am meisten vernachlässigten von ganz Italien gehört (Baldacci S. 56 — 57)“. Am meisten charakteristisch für die Landschaft ist aber das Fehlen von offenen, über das flache Land zerstreuten Dörfern; infolge nämlich der in früherer Zeit herrschenden Unsicherheit war der ständige Aufenthalt auf dem offenen Lande unmöglich, weswegen sich auch die Bevölkerung zu wenigen, dafür aber relativ intensiver bevölkerten und eng zusammengedrängten Ortschaften konzentrierte,
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die außerdem in der Regel auf isolierten Erhöhungen gebaut sind und ganz den baulichen Charakter von kleinen Städten haben, da die kleinen, in der Regel ein-, aber auch mehrstöckigen Häuser enge Gassen bilden, die selten durch Gärten oder Höfe unterbrochen werden. Infolge ihrer hohen Lage auf abschüssigem Terrain sind die Ortschaften im allgemeinen gesund, nichtsdestoweniger leidet die Bevölkerung nicht wenig an dem Wechselfieber, das sich die Landarbeiter aus den Tälern holen,
Piazza Italo-slava in Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
wo das nach starken Regen langsam eintrocknende Wasser der Bäche ungesunde Sümpfe bildet. Das Klima ist sehr angenehm, doch als eine weitere Folge der exponierten Stellung auf isolierten Höhen ergibt sich auch, daß z. B. in San Felice im Winter bei dem gänzlichen Mangel an Heizöfen und bei den schlecht schließenden Türen und Fenstern manchmal das Wasser in den Wohnungen — in dem heißen Süditalien! — zufriert.
Da sich also die bewohnten Ortschaften in der Regel auf Erhöhungen befinden, so müssen die Straßen, durch welche sie verbunden werden, so gebaut werden, daß sie von der einen Seite hinaufsteigen,
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um eine Ortschaft zu erreichen, und von der anderen wiederum heruntersteigen, was sich bei jeder neuen Ortschaft wiederholt. Dieser Umstand sowie die schon erwähnte Terrainbildung bringen es mit sich, daß für die 40 km lange Strecke Termoli—Acquaviva zirka 5 Stunden Wagenfahrt notwendig sind, da der Unternehmer der zwischen Termoli und Palata verkehrenden kgl. Postdiligence
Via Troche in Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
nichts weniger als feurige Posse für die einzig von ihm zu bekommenden Wagen liefert. Die Fahrt selbst ist speziell auch in ethnographischer Beziehung interessant, weil man schon dabei den verschiedenen Elementen begegnet, aus welchen die Bevölkerung dieses Teiles des Molise zusammengestellt ist. Zuerst erreicht man die nunmehr gänzlich italianisierte ehemalige serbokroatische Kolonie San Giacomo degli Schiavoni, wo sich in der neuesten Zeit auch eine ziemlich zahlreiche protestantische Gemeinde gebildet hat; es folgt dann die von Ursprung an italienische Ortschaft Guglionesi,
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worauf man nach dem rein albanesischen Montecilfone gelangt, um zuletzt, das ebenfalls italianisierte Palata etwas bei Seite lassend, das noch immer serbokroatische Acquaviva-Collecroce zu erreichen.
§ 31. (innere Zustände)
Die Lage Acquavivas ist, wie schon erwähnt, durch diejenige der Wasserquelle bedingt, auf welche die Ortsbevölkerung so stolz ist und um welche sie von allen benachbarten Ortschaften so sehr beneidet wird; somit liegt der Ort nicht auf einer Erhöhung, sondern auf einem Abhange, der in nordwestlicher Richtung sehr steil in das darunter liegende Tal abfällt. Mit seinen durchaus steinernen Häusern sowie den ziemlich engen und ziemlich primitiv gepflasterten Gassen, die hie und da auch von Häusern überwölbt sind, macht Acquaviva entschieden den Eindruck einer kleinen Stadt, obschon der Ort sonst keine städtischen Einrichtungen besitzt — keine Beleuchtung und keine Wasserleitung, keine Kanalisation und keine Straßenreinigung. Für die Beleuchtung sorgen die südliche Sonne und der helle Mond, bei mondlosen Nächten auch eine einzige Laterne, die am Hauptplatze angezündet wird; sonst muß man selbst eine Laterne in die Hand nehmen, wenn man gezwungen ist, spät abends in den Gassen herumzugehen. Das Wasser muß sich ein jeder von der Quelle selbst holen und ebenso muß er dafür sorgen, daß die Hausabfälle etc. aus den klosettlosen Wohnungen fortgeschafft werden. Die Straßenpolizei endlich wird vom Regen besorgt, der sich auf den durchwegs abschüssigen Gassen als öffentlicher Straßenkehrer sehr gut bewährt, wobei er auch von den zahlreichen Haustieren (Hühnern, Schweinen, Schafen usw.) unterstützt wird, die auf den Gassen frei herumlaufen und allerlei Abfälle, die von den Fenstern auf die Gasse geworfen werden, vertilgen.
Das Zentrum des Ortes bildet der auf Vorschlag Prof. Kovačić’ Piazza Italo-slava genannte Hauptplatz, auf dem westlich die stattliche Kirche mit der (südlich daranstoßenden) ehemaligen Commenda des Malteser-Ordens, südlich das neue Gemeindehaus und nördlich einige schönere Häuser sich befinden, während in östlicher Richtung vom Platze aus die Via Calvario sich erstreckt, durch die man in den Ort gelangt.
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Dabei muß es auffallen, daß die Kirche dem Platze nicht mit ihrer Vorder-, sondern mit der Rückseite zugekehrt ist; dies erklärt sich dadurch, daß der ältere Teil des Ortes — Borgo genannt — am äußersten Abhange über dem tiefen Tale gebaut wurde, weswegen dann die etwas höher errichtete Kirche mit ihrer Frontseite dem Borgo zugekehrt wurde; da aber Acquaviva sich allmählich entwickelte, so konnte dies nur hinter der Kirche in südöstlicher Richtung geschehen, wodurch sowohl der Hauptplatz als auch der neuere größere Teil der Ortschaft hinter der Kirche zu stehen kam.
Wenn solche Verhältnisse in Acquaviva herrschen, das doch die größte und relativ wohlhabendste sowie am meisten fortgeschrittene Gemeinde unter unseren Kolonien ist, so kann man sich leicht denken, wie es in San Felice Slavo und gar in Montemitro ausschaut. Wenn man sich drei volle Stunden auf den unmöglichsten Wegen geplagt hat, um von Acquaviva das ungefähr 5 km in der Luftlinie in nordwestlicher Richtung gelegene San Felice Slavo zu erreichen, und man am Ende dieser schwierigen Wanderung zu sein glaubt, hat man noch immer die angenehme Überraschung, daß sich die Gassen im Orte selbst in einem noch schlechteren Zustande befinden als die sogenannten Wege, die dorthin führen! Schon in Acquaviva ist manches unter den älteren Häusern in schlechtem Zustande, aber in San Felice ist dies noch häufiger der Fall; besonders charakteristisch für die Sorglosigkeit und Nachlässigkeit der Bevölkerung in dieser Beziehung ist der trostlose Zustand, in welchem sich die Residenz der ehemaligen Feudalherren, die von einer der besten Familien des Ortes bewohnt wird, sowie die alte Kirche befinden. Letztere — etwas außerhalb der Ortschaft gelegen und dem Ortsheiligen, San Felice, geweiht — bietet insbesondere in ihrem Inneren ein so jämmerliches Bild, daß jedermann, der aus weniger vernachlässigten Gegenden kommt, entschieden glauben muß, daß sie nicht mehr als Kirche benützt werde. Dem ist aber nicht so, denn am Tage des heil. Felix (30. Mai) sowie an den Freitagen des Monates Mai wird darin noch immer die Messe gelesen.
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Interessant ist aber diese Kirche deswegen, weil sie über dem Tor eine vierzeilige Inschrift in hebräischer Schrift trägt. Leider habe ich während meines dortigen Aufenthaltes nur eine schwache Photographie der Inschrift aufnehmen können, da die Aufnahme bei regnerischem Wetter von einer von Menschenhänden gehaltenen, sonst aber frei in der Luft schwebenden Leiter aus erfolgen konnte.
Via Fontana in Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Dennoch konnte Hofrat Prof. D. H. Müller, dem ich dafür auch hier meinen verbindlichsten Dank ausspreche, auf der Photographie folgende vier Zeilen lesen, von welchen die erste allerdings sehr unsicher ist:
, was er folgendermaßen transkribiert und mit aller Reserve übersetzt: „Brâ anâ | mišneh Jahweh | αυτου | αρχος = der Sohn (bin) ich, der Statthalter Jehowas, sein erster (Sohn)“. Es liegt somit die interessante Tatsache einer christlichen, aramäisch-hebräisch-griechischen Inschrift vor.
Ein gottverlassenes Nest ist Montemitro, das sich auf einem steilen Hügel zirka 350 m über dem Trigno-Fluß erhebt, der hier die Grenze
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zwischen der Provinz Campobasso (Molise) und der Provinz Chieti (Abruzzi) bildet. Obschon nur zirka 6 km in der Luftlinie von San Felice Slavo in westlicher Richtung entfernt, kann Montemitro vom letzteren Ort aus kaum in 4 Stunden erreicht werden, da man auf dem elendigen Wege nur schrittweise vorwärts kommen kann, so daß, da es für Fremde in keinem der beiden Orte eine Gelegenheit gibt, übernachten zu können, die meisten Besucher dieser Kolonien darauf verzichten müssen, gerade diejenige unter ihnen zu besuchen, die das slawische Wesen und die slawische Sprache am treuesten bewahrt hat, denn infolge der Abgeschlossenheit des Ortes hat selbstverständlich auch der Italianisierungsprozeß hier die geringsten Fortschritte gemacht.
Alter Friedhof in Acquaviva. Phot. Dr. A. Mainanti.
In diesen drei Ortschaften leben also die letzten serbokroatischen Kolonisten. Eine jede von ihnen bildet jetzt eine selbständige politische Gemeinde (comune) ; bis zum Jahre 1901 gehörte aber Montemitro nach San Felice Slavo, von welchem es erst in diesem Jahre getrennt wurde. Jede Ortschaft bildet auch eine selbständige Pfarre (der Pfarrer von Acquaviva hat den Titel eines Erzpriesters — arciprete) und alle drei zusammen gehören zum Bistum Termoli und nicht — wie behauptet wurde — zu demjenigen von Larino. Acquaviva gehört zum Bezirksgerichte (mandamento mit einem pretore an der Spitze) von Palata, dagegen die beiden anderen Kolonien zu demjenigen von Montefalcone nel Sannio ; die zweite Instanz bildet für sie der Gerichtshof (tribunale) von Larino und die dritte das Appellationsgericht (corte di appello) von Neapel; in politisch administrativer Beziehung gehören sie dem Kreise (circondario) von Larino und der Provinz Campobasso, in welch’ letzterer Stadt auch der Provinziallandtag (consiglio provinciale) sich versammelt,
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in dem auch unsere Kolonien zusammen mit anderen 17 Gemeinden durch einen Abgeordneten (deputato) vertreten sind.
§ 32. (ökonomische Verhältnisse)
Unsere Kolonisten sind vorzugsweise Bauern, die zum Teil kleine Grundbesitzer, zum Teil aber Pächter sind; dazu kommen noch, fast ausschließlich in Acquaviva, einige Handwerker und Kaufleute, dann die wenigen Grundbesitzer, die die Klasse der Gebildeten ausmachen und von dem niederen Volke galantomini genannt werden. Zur Zeit der Feldarbeiten ziehen daher frühmorgens die Männer und vielfach auch die Frauen auf die Felder hinaus, von wo sie abends nach Hause zurückkommen ; wohlhabendere Familien, deren Grundbesitz etwas mehr entfernt von dem Orte liegt, besitzen auf ihren Feldern selbst ein Wirtschaftsgebäude (masseria), wo ein Verwalter (fattore) ständig oder ein Mitglied der Familie während der Ernte- und Weinlesezeit wohnt. Neben der Zucht von Hausvieh wird zumeist Getreide, und zwar vorzüglich Weizen und Kukuruz gebaut, in zweiter Reihe auch Öl- und Weinbau getrieben. Auch schönes Obst ist zu finden, besonders im Gebiete von San Felice, das auch wegen seiner vorzüglichen Trüffeln berühmt ist (s. Vegezzi-Ruscalla, S. 15). Und da die Gegend unter normalen Verhältnissen mehr produziert, als die genügsame Bevölkerung für sich selbst braucht, [1] so findet auch ein Export dieser Produkte, insbesondere von Weizen statt.
1. Beispielsweise sei erwähnt, daß in Acquaviva, obschon es über 2000 Einwohner zählt mit einer ziemlich großen Zahl von relativ wohlhabenden und gebildeten Familien, nie ein Rindfleisch gegessen wird; während meines dortigen Aufenthaltes war dies ein einziges Mal möglich, als nämlich ein armes Kalb sich ein Bein brach und deswegen geschlachtet werden mußte. Wer somit auf den Fleischgenuß nicht verzichten will, muß sich mit Hühnern und den ein paarmal in der Woche von Vasto eingeführten Fischen begnügen.
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In früherer Zeit ging diese Ausfuhr vorzugsweise über Termoli, der Einbruchsstation für den Handel unserer Kolonien, per Segelschiff nach Dalmatien, während aus letzterem Lande Bauholz, Pferde und gesalzene Fische eingeführt wurden; seitdem aber der Seehandel von den Dampfschiffen in Beschlag genommen wurde, die in dem offenen und primitiven Hafen von Termoli nicht anlegen können, hat letztere Stadt als Hafenplatz jede Bedeutung für unsere Kolonien verloren und der kleine Export- und Importhandel, den sie betreiben, geht wohl noch immer von Termoli aus, aber ausschließlich per Bahn. Wie viel aber da noch im Interesse unserer Kolonisten zu machen wäre, bemerkte ich während meines Besuches von San Felice : am Boden unter den Obstbäumen lag prachtvolles Obst in großen Quantitäten und .... faulte !
Auf dem Wege von Acquaviva nach S. Felice. Phot Dr. A. Mainardi.
Menschen und Tiere konnten nicht alles aufessen und es fand sich niemand, der das Obst hätte spottbillig einkaufen wollen, um es um teures Geld ins Ausland zu expedieren! Nichtsdestoweniger sind unsere Kolonisten, da sie sehr fleißige Arbeiter sind und gute Wirtschaft führen, im allgemeinen nicht arm zu nennen — ich habe z. B. keinen einzigen Bettler unter ihnen gesehen ! In der neueren Zeit bringen, beziehungsweise schicken viel Geld nach Hause die zahlreichen Kolonisten, die nach Amerika auswandern, um in der Regel nach einiger Zeit in die Heimat zurückzukehren; so erliegt bei der Postsparkasse in Acquaviva fast eine halbe Million Lire, die von solchen Auswanderern zugunsten ihrer Angehörigen aus Amerika eingelaufen sind.
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§ 33. (physische Eigenschaften)
Trotzdem die Kolonisten infolge der nicht seltenen Heiraten mit Italienern keinen rein slawischen Typus mehr haben, so unterscheiden sie sich doch merklich von den letzteren. Allerdings ist dieser Unterschied nicht so groß und nicht der Art, wie der alte De Rubertis ihn sah, der behauptete, daß die Männer von herkulischem Wuchs und Körperbau (S. 10) und die Frauen von überraschender Schönheit (S. 12) seien; dasselbe wiederholt, ohne Zweifel auf Grund von Berichten desselben De Rubertis, auch Vegezzi-Ruscalla, der noch hinzufügt: daß Haare und Augen zumeist schwarz seien und die Männer sich „durch einen etwas stolzen und nachdenklichen Gang“ (per un incesso alcunchè altero e pensoso) von den italienischen Nachbarn unterscheiden (S. 17). Der „herkulische Körperbau“ und die „überraschende Schönheit“ sind wohl ein Ausfluß des Lokal- und, wenn man will, auch slawischen Patriotismus des De Rubertis, der leicht zu begreifen und zu entschuldigen ist, denn in der Tat sind unsere Kolonisten nur im allgemeinen von höherer und mehr schlanker Gestalt als ihre italienischen Nachbarn; vielleicht kann man auch zugeben, daß die Frauen schöner sind als die Italienerinnen, aber von einer „überraschenden Schönheit“ kann heutzutage keine Rede sein ! Dies gaben mir auch die Einheimischen zu, welche dazu bemerkten, daß ihre Frauen früher doch schöner waren, weswegen auch die italienischen Burschen aus den benachbarten Ortschaften sich gerne eine Braut aus unseren Kolonien holten, während dies jetzt viel seltener geschehe. Auffallend ist es mir aber, daß Vegezzi-Ruscalla, bezw. De Rubertis behauptet, Haare und Augen seien bei unseren Kolonisten zumeist schwarz,
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Eine Gasse in S. Felice. Phot. Dr. A. Mainardi.
denn ich habe im Gegenteil gefunden, daß Haare und Augen in der Regel kastanienbraun sind und daß sich unsere Kolonisten eben dadurch wesentlich von den in der Regel schwarzhaarigen und schwarzäugigen Italienern unterscheiden; dasselbe wie ich hat auch Smodlaka gefunden, jedoch stimmen seine Angaben in bezug auf die Zahl der Schwarzhaarigen nicht überein, dann einmal (Hrv. Misao, S. 753) sagt er, daß es deren wenige, ein anderes Mal dagegen (Posjet, S. 38), daß es deren genug gebe. Richtig hat ferner Smodlaka bemerkt (Hrv. Misao, S. 753), daß bei den Kolonisten die Backenknochen mehr hervortreten als bei den Italienern, was wohl deswegen zutrifft, weil die Kolonisten überhaupt hagerer sind und keine so vollen Gesichter haben wie die Italiener. Was aber speziell den „etwas stolzen und nachdenklichen Gang“ sowie den von Smodlaka (Hrv. Misao, S. 753) hervorgehobenen „milden Ausdruck des Auges“ anbetrifft, so möchte ich diese etwas romantischen Züge darauf zurückführen, daß unsere Kolonisten ernster und ruhiger sind als die Italiener. Alles in allem genommen sind sie den an der Küste und auf den Inseln von Nord- und Mitteldalmatien lebenden Serbokroaten sehr ähnlich; sehr oft glaubte ich Leute vor mir zu haben, die ich in Spalato und Umgebung gesehen hätte,
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und hörte ich sie noch dazu ihren ikavischen Dialekt sprechen, so war die Täuschung eine vollständige!
§ 34. (geistige Eigenschaften)
Wenn es nicht leicht ist, im körperlichen Bau der Kolonisten solche Merkmale festzustellen, durch welche sie sich von ihren Nachbarn unterscheiden, so ist es noch schwieriger, in ihrem Charakter solche Züge zu finden, die demselben Zwecke dienen können. Doch wird im allgemeinen und in erster Reihe von ihren italienischen Nachbarn ihre Ehrenhaftigkeit, Friedensliebe, Arbeitswilligkeit und Gastfreundlichkeit anerkannt, weswegen sie auch von den Italienern als sehr angenehme, wenn auch anderssprechende Landsleute angesehen und behandelt werden und nicht etwa als lästige oder gar gefährliche Fremdlinge, als welche die Albanesen von Italienern und Kolonisten gleichmäßig betrachtet werden. Dadurch erklärt es sich auch, daß Mischehen zwischen Italienern und Serbokroaten eine ganz gewöhnliche Erscheinung sind, während sie zwischen Albanesen und Italienern oder Kolonisten sehr selten Vorkommen. [1] Tatsächlich habe ich während meines Aufenthaltes in Acquaviva nie gesehen, daß jemand gerauft oder laut gestritten hätte, obschon das alltägliche Leben im Sommer bei offenen Türen und Fenstern, ja zum nicht geringen Teil auf der Straße sich abwickelt. Ruhig und ernst, [2] friedliebend, mäßig im Essen und Trinken und schweigsam, sind sie, wenn es nottut, auch tapfer und Vegezzi-Ruscalla (S. 16) bezeugt, daß die Piemontesen auf den Schlachtfeldern ihre Tapferkeit und Disziplin zu schätzen lernten,
1. In den seltenen Fällen, wo dies doch geschieht, kann es Vorkommen, daß die Kinder auch drei Sprachen beherrschen; ich habe z. B. in Acquaviva einen zirka 10jährigen Knaben gekannt, der als Sohn eines Serbokroaten und einer Albanesin ganz geläufig serbokroatisch, albanesisch und italienisch sprach.
2. De Rubertis (S. 11) behauptet, er habe nie einen Mann weinen gesehen, und nur am Gesichtsausdrucke könne man den inneren Schmerz erkennen.
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Blick von S. Felice auf Montemitro. Phot. Dr. A. Mainardi.
und erzählt (S. 16/17), daß am 15. Juli 1861, als sich in der Umgegend eine zumeist aus Albanesen bestehende Bande für den König Franz gegen Viktor Emanuel erklärte, 32 Landwehrmänner (guardie nazionali) aus unseren Kolonien durch drei Stunden einer Bande von zirka 300 solchen Briganten standhielten und sie schließlich zurückwarfen (vgl. Texte Nr. 42). Eine schöne Eigenschaft unserer Kolonisten, die, soviel ich sehe, von niemandem bis jetzt hervorgehoben wurde, die ich aber in unzähligen Fällen beobachten konnte, ist auch ihre Reinlichkeit, die sich besonders an der Wäsche bei Männern und Frauen zeigt; deswegen ist auch vielleicht der belebteste Platz im ganzen Ort die Quelle mit dem daran gebauten Waschbassin, an welchem immer mehrere Frauen und Mädchen mit dem Wäschewaschen beschäftigt sind. Sie enthalten sich auch von den Flüchen, Verwünschungen und obszönen Worten, die von den Italienern, aber auch von den Dalmatinern so häufig verwendet werden, wenn sie etwas aufgeregt sind. In der Anrede gebrauchen sie, wie überhaupt das niedere Volk bei den Serbokroaten, immer die zweite Person des Singulars und nie — nach italienischer Art — die zweite des Plurals.
Selbstverständlich hat aber auch der Charakter unserer Kolonisten seine schwachen Seiten: schon De Rubertis (S. 27) erwähnte ihren sehr ausgesprochenen Starrsinn,
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weswegen sie auch, wie ich aus guter Quelle erfahren habe, rechthaberisch sind und sehr oft „über das Wasser gehen“ (vgl. Sp. 91, Note); damit steht wohl auch im Zusammenhänge, daß oft böswillige Feldschäden stattfinden, — zwei Eigenschaften, die auch für die an der Küste und auf den Inseln lebenden Dalmatiner sehr charakteristisch sind! Trotz der gewöhnlich beobachteten Nüchternheit kommt es ferner doch vor, daß die Männer dem in Italien so billig zu verschaffenden Weingenusse allzusehr huldigen, wie dies auch De Rubertis (S. 27) zugibt, wobei es auch zu Raufereien kommt; doch selten fließt dabei auch Blut, wie denn überhaupt Verbrechen eine sehr seltene Erscheinung sind ; auch für die etwas romantisch stilisierte Behauptung des De Rubertis (S. 27), daß „Flecke auf der Ehre nur mit Blut gewaschen werden“, fand ich keine Bestätigung und es konnten mir auch keine Beispiele dafür aus den letzten Jahren angeführt werden. Daß endlich die Kolonisten eher abergläubisch als fromm sind, ist so gut wie selbstverständlich — sie leben ja in einer der am wenigsten fortgeschrittenen Gegenden Süditaliens! Besonders auffallend ist die Ungeniertheit, mit der sie sich in der Kirche vor Anfang des Gottesdienstes verhalten: man konversiert laut und lacht,
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ruft und schilt die sehr unruhigen Kinder und zum Zeitvertreib knackt man Nüsse oder ißt anderes Obst!
Montemitro. Phot. Dr. A. Mainardi.
Geistig sind sie sehr gut entwickelt: fassen leicht auf und drücken sich deutlich aus, sie ! lernen auch gerne, schicken daher auch gerne ihre Kinder in die Volksschule des Ortes; die ( Söhne wohlhabenderer Familien besuchen vielfach auch Mittel- und Hochschulen, so daß die Kolonien eine Überproduktion an Gebildeten haben, die sich dann in den benachbarten Gemeinden als Arzte, Advokaten, Geistliche niederlassen müssen; einige sind auch ins italienische Heer eingetreten und ich stand einige Zeit mit einem jungen italienischen Leutnant in Korrespondenz, der seine Briefe mit einigen serbokroatischen Worten schloß. [1]
1. Rührend ist die Geschichte, die Dr. Smodlaka (Posjet, S. 21/22) von einem italienischen Unteroffizier (brigadiere) der Carabinieri, einem Enkel des De Rubertis, erzählt, der in Asmara (in Afrika) eine Gesellschaft von 23 ans Bosnien ausgewanderten Mohammedanern traf, die ohne Führer und Mittel und ohne sich mit jemandem verständigen zu können, eine neue Heimat in Afrika suchten! Er, der italienische Soldat, konnte sich zur beiderseitigen Freude mit ihnen verständigen und behielt sie einen Tag bei sich, mußte sie dann aber ihren traurigen Weg fortsetzen lassen.
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§ 35. (Nationalgefühl)
Obschon die Kolonisten schon infolge der Verschiedenheit in der Sprache ohneweiters erkennen und wissen, daß sie doch etwas anderes sind als ihre italienischen und albanesischen Nachbarn, haben sie nur einen dunklen Begriff davon, was sie eigentlich sind: sie hören, daß die Italiener sie als Slawen (Schiavoni, dialektisch Schiavune) bezeichnen, und nennen sich dementsprechend auch selbst Šklàvûn, „Slawe“, beziehungsweise Šklàvûnka „Slawin“, doch die meisten hatten keine Ahnung davon, daß es außer ihrer winzigen slawischen Oase eine große slawische Welt gibt! Neben dieser allgemeinen, von den Fremden übernommenen Bezeichnung haben sie einen speziellen slawischen Nationalnamen nicht, da bei ihnen weder der Name „Kroate“ noch der Name „Serbe“ bekannt ist,
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und auch für ihre Sprache haben sie keinen Namen, sondern sagen einfach na našu govorit „auf unsere Weise sprechen“ usw. ; diese Tatsache ist wichtig für die Bestimmung ihrer ursprünglichen Heimat, denn wären sie aus einer altkroatischen Gegend ausgezogen, so hätten sie gewiß auch den Namen „Kroatisch“ wenigstens für die Sprache beibehalten (vgl. Sp. 80). Ein slawisches Nationalgefühl fehlt ihnen vollkommen und in dieser Beziehung unterscheiden sie sich gänzlich von den Albanesen, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre albanesische Nationalität hervorkehren und auf ihre Nachbarn als auf minderwertige Wesen mit demselben Stolze herabsehen, wie es die mittelalterlichen Raubritter mit dem „Gesindel“ taten, das das zweifelhafte Glück hatte, in ihre Nähe zu kommen. Der erste unter ihnen, der sich wirklich als Slawe fühlte und erklärte, war De Rubertis und sein slawisches Gefühl, das selbstverständlich weder bei ihm, noch bei jemand anderem unter den Kolonisten dem italienischen Patriotismus und der Liebe für das neue Vaterland entgegenwirkte, wußte er einigen Schülern und Verwandten mitzuteilen. Dieses slawische Gefühl wurde dann bei den Gebildeten verstärkt, beziehungsweise zum Teil bei dem niederen Volke erweckt durch die Reisen, welche slawische und nichtslawische Gelehrte und Touristen nach den Kolonien unternahmen, um sie zu studieren, beziehungsweise kennen zu lernen; es bildete sich dadurch der Begriff und der Name des Italo-slavo, des Italieners slawischer Zunge, — ein Begriff, der in der schon erwähnten Benennung des Hauptplatzes Piazza Italo-slava einen konkreten Ausdruck fand, während sich das „italo-slawische“ Gefühl öffentlich bei der Vermählung des Königs Viktor Emanuel II. mit der Prinzessin Helene von Montenegro bekündete, indem die Gemeinden Acquaviva und San Felice ihre Gratulationstelegramme im slawischen Ortsdialekte verfaßten (vgl. Baldacci, S. 58). Auf Betreiben Dr. Smodlakas wurde in Acquaviva auch eine Biblioteca slava gegründet, die den Gebildeten die Möglichkeit bieten sollte, sich in der serbokroatischen Literatursprache zu üben; die zumeist von Privaten aus Dalmatien und Kroatien gespendeten Bücher liegen
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Haustor in Montremitro. Phot. Dr. A. Mainardi.
aber in einem Kasten im Sitzungssaal des Gemeindehauses verschlossen und unbenützt, weil mit ein paar Ausnahmen alle, die es versuchten, nach dem ersten Anlaufe das Studium der serbokroatischen Literatursprache aufgegeben haben. Es ist zu natürlich, daß die ausschließlich italienische Bildung ein slawisches Nationalgefühl, das übrigens weder eine Berechtigung, noch einen Sinn hätte, nicht aufkommen läßt!
§ 36. (Volkstracht)
Noch stärker und deutlicher als im Volkstypus und im Volkscharakter kann die Individualität eines Volkes in dessen Tracht sowie in dessen Sitten und Gebräuchen, ferner in der Folklore hervortreten, insoferne das betreffende Volk auf diesen Gebieten seine spezifischen Eigentümlichkeiten erhalten hat! Leider ist dies bei unseren Kolonisten so gut wie gar nicht der Fall und in dieser Beziehung haben sie sich ihrer Nachbarschaft noch mehr assimiliert, als sie es schon in bezug auf die Sprache getan haben. So ist die alte slawische Tracht teils durch diejenige der italienischen Nachbarn und bei den jüngeren Leuten auch durch die kosmopolitische städtische Kleidung ersetzt worden. Es scheint aber, daß die alte Tracht erst um die Wende des XVIII. und XIX. Jahrhunderts aufgegeben wurde, denn noch im Jahre 1853 lebte nach dem Zeugnisse De Rubertis’ (S. 27/28) ein zirka 90jähriger Greis, der „keine Neuerungen in der Kleidung einführen wollte“
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und noch immer eine scharlachrote Jacke (casacca), „ähnlich einem modernen Sakko“, und „eine kleine rote Kappe (berrettino) nach Art (d. i. in der Farbe und nicht in der Größe) eines Kardinalshutes“ trug. [1] Und Vegezzi-Ruscalla (S. 16) erzählt (immer nach den Berichten De Rubertis’), „daß die Kolonisten bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts „nach dalmatinischer Art“ angekleidet waren und nunmehr nichts mehr Eigentümliches besäßen als einen „slawischen, kaban [2]) genannten“ Mantel. Dr. Smodlaka wiederum berichtet (Posjet, S. 12), daß in den Kolonien noch die Erinnerung erhalten ist an „die engen Hosen, die altertümlichen Mäntel und die Frauenjacken (ječerme) aus rotem Tuch, die früher getragen wurden“. Ich habe endlich von vertrauenswürdiger Seite gehört, daß die alten Leute in Acquaviva sich daran erinnern, daß die Männer anstatt der später zu beschreibenden župa eine etwas längere, rückwärts anschließende und geschweifte rote Jacke und manchmal auch einen roten Mantel sowie anstatt des jetzt üblichen niedrigen Hutes einen hohen konischen Kalabreserhut und darunter eine kleine rote Kappe trugen. Aus diesen wenigen Notizen über die alte Tracht unserer Kolonisten läßt sich somit nur eines mit ziemlicher Sicherheit sagen, nämlich, daß in der nunmehr verschwundenen Tracht die rote Farbe eine ziemlich große Rolle spielte, und auch mir wurde von Frauen bestätigt, daß sie früher viel mit Färberröte (brȍć) rot gefärbt haben. Was man aber heutzutage von den Leuten über diese alte Tracht erfahren kann, ist sehr wenig und unsicher; die meisten wissen gar nichts davon, daß früher überhaupt die Kleidung eine andere war; deswegen glaube ich, daß das direkte Zeugnis De Rubertis’ die größte Beachtung verdient, denn er ist der einzige, der Selbstgesehenes berichtet, und da ist es sehr wichtig, daß er beim konservativen Greis von einer kleinen roten Kappe spricht, denn auch dies ist etwas,
1. Baldacci, der (S. 56) diese Notiz aus De Rubertis ebenfalls mitteilt, schickt die Bemerkung voraus: „Man erinnert sich in den drei Gemeinden eines Greises in Montemitro, der sich bis zu seinem Tode in rotes Tuch kleidete . . .”
2. Der Mantel heißt aber in unseren Kolonien gewöhnlich plȃšt.
[[ Zusätze und Berichtigungen: Sp. 11, Note 2; Sp. 113, Z. 11 v. u.: Sp. 116, Z. 25 v. u. und ff.: Die Männer in unseren Kolonien tragen zwei verschiedene Mäntel — einen Radmantel (plȃšt) und einen mit Ärmeln (kaban). ]]
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was für die dalmatinische Herkunft der Kolonisten spricht, da bekanntlich die kleine rote Kappe ein charakteristisches Merkmal der dalmatinischen Tracht ist.
§ 37. (Volkstracht - 2)
Wie also die frühere Tracht ausgeschaut haben mag, ist schwer zu sagen ; dafür aber kann ich die gegenwärtig übliche genau beschreiben. Vorausschicken muß ich jedoch die Bemerkung, daß auch die im folgenden zu beschreibende Tracht in der Regel nur noch bei den älteren Leuten anzutreffen ist; die jüngere Generation, besonders Burschen und Mädchen, verwenden schon zumeist Oberkleider mehr nach städtischer Art, für die beim Kaufmann fertige Stoffe angekauft werden. Die ganze Wäsche aber sowie die Oberkleider des konservativeren Teiles der Bevölkerung werden von den Frauen aus selbsterzeugten Stoffen verfertigt; nur die Kopfbedeckung (Hut bei den Männern und Tuch bei den Frauen) sowie die Knöpfe und die Schuhe werden beim Kaufmann, beziehungsweise beim Schuster (skarpȃr) gekauft und für die Fertigstellung des schweren Mantels der Männer wird die Hilfeleistung des Schneiders (kužitȗr) in Anspruch genommen.
An Wäsche tragen die Männer ein Hemd (kòšiļa) aus schwerer Hausleinwand mit Umlegkragen, die Brust in kleinen Falten gelegt, die Ärmel mit Manschetten besetzt; früher wurden die notwendigen Knöpfe zu Hause aus Zwirn gemacht, jetzt sind sie aus Porzellan und werden gekauft. Dazu kommen die Unterhosen (gȁće oder, gewöhnlicher, mȗtane), die bis unter das Knie reichen und aus demselben Stoffe wie das Hemd bestehen, sowie die Strümpfe (bȉčve), die unter dem Knie mit Strumpfbändern (pȍdveze) gebunden und für den Sommer aus weißer Baumwolle, für den Winter aus sehr dicker brauner Ziegenwolle gestrickt werden. Da im Sommer gewöhnlich keine Oberkleider getragen werden, so bindet man die Unterhosen um die Taille mit einem roten oder violetten wollenen Gürtel (fàšeta), dessen Masche auf der linken Seite herabhängt, und läßt sie über den Strümpfen frei hängen; wenn dagegen auch die Hosen getragen werden, bindet man den Gürtel um die Hosen und die Strümpfe werden über die Unterhosen gezogen und dann erst mit den Strumpfbändern gebunden.
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Wenn man nun noch den niedrigen und engkrempigen Hut (klòbȗk) aus schwarzem Filz sowie die Schnürschuhe (postóle) hinzunimmt, so ist das ganze Kostüm fertig, in welchem die Männer gewöhnlich im Sommer herumgehen; nur an Sonntagen und anderen Feiertagen wird auch die Weste, beziehungsweise werden an regnerischen Tagen auch die Gamaschen angelegt, die sonst ein Bestandteil der nur im Winter regelmäßig getragenen Oberkleidung bilden. Zu dieser letzteren gehört nämlich — außer den schon genannten Stücken — zunächst die Weste (kamìžȏla) aus schwarzblauem Tuch mit doppelter Brust und regelmäßig violetten Metallknöpfen, dann die Hosen (grȃbeše) aus demselben Tuch, die bis unter das Knie reichen und auf dem unteren äußeren Ende einen Schlitz haben, der mit kleinen messingenen Knöpfen zugemacht wird, ferner die aus schwarzblauem oder auch dunkelbraunem Tuche angefertigten Gamaschen (štȉvale), die mit 8—10 schwarzen oder auch färbigen Knöpfen zugeknöpft werden. Immer aus demselben Stoff ist auch der Rock (žȕpa), er ist mit Ärmeln versehen und reicht bis zu den Hüften, hat auch zwei Reihen von den schon erwähnten violetten Metallknöpfen, wird aber in der Regel nicht zugeknöpft, sondern nur die darunterliegende Weste, denn bei sehr kaltem oder schlechtem Wetter hüllt man sich in den Mantel (plȃšt) ein. Letzterer ist jetzt gewöhnlich ebenfalls aus schwarzblauem, selten aus dunkelbraunem Tuch, während er früher zumeist die letztere Farbe hatte, und ist ein langer Radmantel mit zirka 8 cm breitem Umlegkragen, dessen rechte Seite über die linke Schulter geworfen wird.
Frauen und Kinder aus Acquaviva. Phot. Dr. A. Vetta.
Die Frauen kleiden sich, insoferne sie die ortsübliche Kleidung behalten haben, Sommer und Winter fast ganz gleich. Das lange Hemd hat lange, in Falten genähte sowie mit Manschetten versehene Ärmel,
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vorne an der Brust einen kleinen Einschnitt (skavàtȗra) ; der Hals ist mit einem breiten Spitzenkragen (pìcȇļ) besetzt, der über die Jacke umgelegt wird. Auf das Hemd wird die gȕńica — ein schwarz und rot karriertes wollenes plaidartiges Tuch, zirka 125 cm lang und 70 cm breit, das gewöhnlich nur im Sommer getragen wird — um den Leib so gelegt, daß die beiden Endseiten auf dem Rücken übereinander zu stehen kommen und die gȕńica auf dem von der Jacke unbedeckt gelassenen Teil der Brust vorne zu sehen ist. Die kurze Jacke (kȏrpet), aus schwarzem oder dunkelblauem Tuch, hat in der Regel lange, oben und unten gefaltete Ärmel (im Sommer hat die Jacke gewöhnlich keine Ärmel und heißt dann kȏrpet sȇnca rukȃvi oder kȏrpet skamižȃni), die mit einer kurzen Manschette um das Handgelenk schließen ; sie ist vorne nicht geschlossen, sondern wird mit einer kreuzweise durchzogenen Schnur zusammengehalten, unter welcher die gȕńica zu sehen ist. Aus demselben Stoff wie die Jacke ist auch der die Füße ganz freilassende Rock (hȁļa), der, aus einem Stück geschnitten, oben in dichten Falten gelegt ist und einen ziemlich breiten Gürtel zum Zuknöpfen hat; links ist ein Schlitz vorhanden und rechts eine Tasche (sàkoča) angebracht. Über dem Rock steht vorne eine etwas kürzere und aus etwas dünnerem Tuch gemachte schwarze Schürze (màndȋra), die mit Bändern um die Taille gebunden wird; diese Bänder hießen früher pȃs, jetzt allgemein kapìšȏla. Als Fußbekleidung tragen die Frauen leichtere baumwollene und dickere wollene, blaue oder braune Strümpfe und Schuhe. Den Kopf tragen die Mädchen gewöhnlich unbedeckt, nur wenn sie kommunizieren, nehmen sie ein Kopftuch (ručìnȋk) und De Rubertis (S. 12) erzählt, daß die Bischöfe umsonst verlangten,
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die Mädchen sollten sich den Kopf bedecken, wenigstens wenn sie in die Kirche gehen ; gerade, als er einen seiner Briefe schrieb, hatte ein Missionsprediger dasselbe Verlangen von der Kanzel gestellt, das aber mit hellem Lachen aufgenommen wurde (S. 24).
Alter Mann aus Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Seitdem scheint sich jedoch etwas in dieser Beziehung geändert zu haben, denn ich habe oft sowohl Mädchen, ja sogar kleine Mädchen mit einem Kopftuch gesehen, als auch umgekehrt verheiratete, auch ältere Frauen ohne Kopftuch. Letzteres — immer beim Kaufmann gekauft und von verschiedenen Farben, je nach Geschmack — wird gewöhnlich ganz einfach über den Kopf geworfen und unter dem Kinn gebunden; doch nach der früher allgemein üblichen, jetzt nur von wenigen Frauen beobachteten Mode wurde das Kopftuch so angelegt, daß es vorne die Stirne und das Haar freiließ, dann auf beiden Seiten über das Haar gezogen und rückwärts auf dem Hinterhaupt gebunden wurde. Als Schmuck tragen die Frauen große runde Ohrringe (čerćéle) und am Hals eine goldene Kette:
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katìniļa oder kȁnaka heißt die einfache, auch an Werktagen getragene Kette, während die reichere, mehrmals um den Hals gewundene kȏlana nur an Feiertagen mit einem Anhängsel, gewöhnlich einem Kreuz (krȋž oder kručìfis) oder Medaillon (früher rȁlica, jetzt kȍpica oder berlȍk) getragen wird. [1]
Was haben in dieser Tracht die Kolonisten aus Dalmatien mitgebracht, was von den Nachbarn in der neuen Heimat angenommen und was endlich etwa hier selbständig geschaffen? Die Frage kann ich leider nicht beantworten, denn einerseits ist es uns gar nicht bekannt, wie gegen Ende des XV. Jahrhunderts die Volkstracht in derjenigen dalmatinischen Gegend ausgeschaut haben mag, aus welcher die Vorfahren unserer Kolonisten ausgewandert sind, andererseits aber sind mir speziell die süditalienischen Volkstrachten so wenig bekannt, daß ich kein Urteil darüber habe, was man als italienisch bezeichnen kann und was nicht. Wie wir gesehen haben, hat De Rubertis in der zu seiner Zeit üblichen Tracht der Kolonisten nichts als eine ihnen allein zukommende Eigentümlichkeit hervorgehoben, erst Vegezzi-Ruscalla hat, wohl nach ihm, den Mantel der Männer als eine solche erwähnt, was wohl so viel bedeuten sollte, daß dieser Radmantel bei den Italienern (und Albanesen) des Molise nicht vorkommt. Dr. Smodlaka wiederum findet, daß der ručinik auf dem Kopfe und der piceļ um den Hals der älteren Frauen die einzigen Überreste der alten Nationaltracht sind (Hrv. Misao, S. 753 [2]) und Posjet, S. 44),
1. Die von mir hier beschriebene und sehr oft gesehene Kleidung der verheirateten (älteren) Frauen stimmt fast vollkommen mit derjenigen überein, die Baldacci (S. 56) für die angeblich einstige Kleidung der Mädchen gibt, mit dem Unterschiede, daß er für den Rock (haļa) als Stoff rote Wolle angibt (man vergleiche die von Dr. Smodlaka [Sp. 111] erwähnten roten Jacken der früheren Zeit), welche Farbe bei den Frauenröcken heutzutage tatsächlich nicht konstatiert werden kann.
2. Hier spricht er allerdings von Halskragen, Hemd und der besonderen Art, wie das Kopftuch gebunden wird (ovratnik, košulju i posebni način omatanja rupca oko glave), doch dürfte diese Dreiteilung auf einem Druckfehler beruhen (ovratnik, košulju . . . anstatt ovratnik košulje . . . „Hals des Hemdes“), denn in der Tat ist nur der Kragen des Hemdes und nicht das ganze Hemd charakteristisch und auch Dr. Smodlaka selbst erwähnt an der zweiten Stelle das Hemd als solches nicht.
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welche beide Kleidungsstücke denjenigen der Frauen im Primorje von Makarska ähnlich sind (Hrv. Misao, S. 751); das mag richtig sein, doch ist es jedenfalls bedenklich, daß der Halskragen einen italienischen Namen (piceļ) trägt! Baldacci endlich findet (S. 56), daß „die verheirateten Frauen sich wie die jenseits der Adria in Tuch aus roter Wolle kleiden“ und daß „die Ohrringe die große slawische Form haben“; gebrauchen wirklich die Italienerinnen kein Tuch aus roter Wolle für ihre Kleidung? Und wie steht es mit der „slawischen“ Form der Ohrringe, sobald diese bei unseren Kolonisten wiederum einen italienischen Namen haben, und zwar einen solchen, der in Dalmatien nicht gebräuchlich ist, wohl dagegen in Süditalien? Doch muß ich mich damit begnügen, diese wenigen Bedenken in bezug auf den slawischen Ursprung dieser Kleidungsstücke hervorgebracht zu haben, da mir leider die Gelegenheit nicht geboten war, an Ort und Stelle die Tracht unserer Kolonisten mit derjenigen der außerhalb des Bereiches der einstigen serbokroatischen Kolonien lebenden Italiener zu vergleichen.
§ 38. (Lebensweise)
Auch in der Lebensweise sowie in den Sitten und Gebräuchen haben die Kolonisten sehr wenige Eigentümlichkeiten, die sie von ihren Nachbarn unterscheiden. Die Häuser (hȉže) wer den, wie mir Herr Ingenieur G. Giorgetti versichert, der in dieser Beziehung vollkommen informiert ist, ganz genau so gebaut wie in den italienischen Ortschaften; es sind kleine steinerne Häuser, zumeist einstöckig, aber auch mehrj stückig, wo die Familie größer ist, denn in der Regel besteht jedes Stockwerk aus einem einzigen Zimmer, und wenn Dr. Smodlaka hervorhebt (Posjet, S. 32), daß die Häuser der Kolonisten denjenigen auf den dalmatinischen Inseln sehr ähnlich sind, so hat dies weiter nichts zu bedeuten, denn das Haus im dalmatinischen Küstenlande überhaupt hat italienischen Typus. Gewöhnlich findet man somit in demselben Raume neben dem offenen Herde (fogulâr) und dem Backofen (pêć) eine entsprechende Zahl von Betten (für die Eltern immer ein doppeltes Ehebett), dann einen Speisetisch (stôlica) neben einigen Sesseln (sȅǵ),
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einen Webstuhl und mehrere Holztruhen zum Auf bewahren von Kleidern, Getreide, Mehl usw. Die Nahrung besteht zumeist aus Maisbrot, Maccheroni (làzańe oder makarúne), Gemüse und Obst, dagegen Polenta (friškàtela) wird wenig gegessen ; doch sind auch einige Speisen vorhanden, die unseren Kolonisten eigen sein dürften ;
Alte Frau aus Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
so zunächst die mit kȁš-kavùnisk gefüllten koláče, die zu St. Blasius und bei Hochzeiten gebacken werden, ferner die pàntice, die nur für den Tag des hl. Blasius (3. Februar) vorbereitet werden; die kȁš-kavùnisk (ist augenscheinlich eine Verdrehung aus kaša škavuniska, italienisch pasta schiavona) besteht aus Weinmost und Brotkrumen, die mit Nüssen und Stücken von Orangenschalen zusammengekocht werden. [1]
1. In Campobasso heißt pane̥ škiawuniske̥ „farina impastata con mosto cotto“ (Archivio glottol. ital., Bd. IV, S. 152).
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Am letzten Faschingstage wird wiederum der bȕdein gegessen, d. i. Schweinsmagen mit Käse, Eiern und Brodkrumen gefüllt.
§ 39. (Bräuche)
Die Bräuche, die anläßlich der Hauptereignisse im Familienleben, also bei Geburt, Taufe, Hochzeit und Begräbnis beobachtet werden, sollen nach der übereinstimmenden Aussage aller bisherigen Beobachter sowie nach meinen Erkundigungen mit denjenigen der Italiener vollkommen gleich sein — ob sie es auch wirklich sind? So hat speziell in bezug auf die Leichenfeier De Rubertis (S. 11) mitgeteilt, daß, so lange der Tote auf dem Totenbette liegt, die Frauen um ihn herum laut trauern und dabei „die besten Züge aus dem Leben des Verblichenen“ erwähnen; und Vegezzi-Rusealla (S. 16) sagt ausdrücklich, daß das Leichenbegängnis sich von demjenigen der benachbarten Ortschaften unterscheidet, jedoch nicht ausschließlich slawisch ist, wie dies (sein Gewährsmann!) De Rubertis meine, sondern auch bei den Albanesen und auf der Insel Sardinien üblich ist; worin diese Eigentümlichkeit bei Leichenbegängnissen bestehe, sagt jedoch Vegezzi-Ruscalla nicht.
Feldarbeiter mit Pflugjoch aus Acquaviva. Phot. Dr. A. Vetta.
Tatsächlich besteht sie darin, daß der Tote nicht nur im Hause, sondern auch auf dem ganzen Wege zur Kirche und dann zum Friedhofe von den nächstverwandten Frauen (nicht etwa von gezahlten Klageweibern!) laut beweint wird, wobei seine guten Eigenschaften, bezw. der Schmerz der Hinterbliebenen zum Ausdrucke gebracht werden — wie dies z. B. auch in Süddalmatien und in Montenegro geschieht! — und daß der Leichnam in offenem Sarge getragen wird.
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Das letztere wurde allerdings aus hygienischen Rücksichten von der Behörde verboten, doch es wird trotzdem noch immer geübt und ich habe selbst unter meinen Fenstern auf diese Weise ein Mädchen zum Friedhof tragen gesehen. Es ist aber leicht möglich, daß auch die Hochzeitsgebräuche etwas Eigentümliches enthalten ; so kann hieher der von Baldacci (S. 55) beschriebene, jetzt nicht mehr eingehaltene Vorgang bei Verlobungen gehören:
„Die Verwandten des Bräutigams begaben sieh mit großer Begleitung zum Hause der Braut mit einem Abgesandten, der vorher die Zeremonie vereinbart hatte. Der Unterhändler blieb in der Nähe des Hauses stehen, während das Familienoberhaupt der Braut auf der Schwelle der Tür stand und beim Näherkommen des Zuges den Ankommenden die Tür vor der Nase zumachte. Dann trat der Abgesandte allein vor, um an die Tür zu klopfen, und von drinnen fragte das Familienoberhaupt, was man suche. Der Abgesandte antwortete, man suche eine Färse. Das Familienoberhaupt fragte darauf, was für ein Fell die Färse habe, und der Abgesandte antwortete, indem er die Haarfarbe der gesuchten Auserwählten angab. War die Braut blond, so antwortete er: ein blondes Fell; war sie braun: ein schwarzes Fell usw. Nach dieser Antwort des Unterhändlers, der die Kennzeichen der Braut angab, öffnete sich die Tür des Hauses und alle traten feierlich ein und verteilten Geschenke“.
Wenn aber Baldacci (S. 55) auch eine Spur der serbokroatischen slava (Fest des Familienpatrons) darin gefunden zu haben meint, daß eine Familie (De Rubertis) früher den Tag eines Heiligen (St. Paschalis) als Familienfest feierte,
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so ist dies höchst wahrscheinlich nichts anderes als der früher allgemein übliche Brauch, daß der älteste Sohn immer denselben Vornamen hatte wie der Vater, so daß der Tag des betreffenden Heiligen eo ipso zur wichtigsten Familienfeier wurde.
Spinnende Frau aus Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
§ 40. (Festtage)
An Festtagen, die nicht mit der Familie Zusammenhängen und auch nicht rein kirchlichen Charakters sind, haben die Kolonisten nur zwei, nämlich den 1. Mai und den Weihnachtsabend. Das Fest des 1. Mai — der mȃjo — wurde von De Rubertis (S. 19—23), dann von Makušev (Записки, S. 38—40) ausführlich beschrieben, der sich zufällig gerade an diesem Tage in Acquaviva befand. In der Hauptsache besteht das Fest darin, daß einige Männer den „Mai“ unter Gesangbegleitung zunächst zur Kirche, damit er gesegnet werde, und dann von Haus zu Haus führen, um allen ein recht fruchtbares Jahr zu wünschen und dafür allerlei Geschenke an Eßwaren und Wein zu bekommen, die dann gemeinschaftlich abends verzehrt werden. Den Mai stellt ein junger starker Mann dar, der sich eine zu diesem Zwecke aus Stroh und Zweigen verfertigte Puppe kleidet, während seine Begleiter mit bunten Bändern geschmückte Zweige in den Händen tragen; auf dem Kopfe trägt der Mai die besten Leckerbissen der Saison (Spargeln, frischen Käse usw.), was der Geistliche, der ihn gesegnet hat, für sich behält. Vor jedem Hause wird dann Halt gemacht, die Begleiter des Mai teilen sich in zwei Hälften, die abwechselnd einige feststehende Lieder (vgl. Texte Nr. 29) singen, während der Mai in deren Mitte springt und allerlei Allotria treibt. Nachdem die Lieder verklungen und die Geschenke entgegengenommen sind,
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wird der Mai von den Frauen aus den Fenstern mit Wasser begossen, worauf er selbstverständlich nichts Eiligeres zu tun hat, als sich mit seiner ganzen Begleitung fluchtartig zu retten. Es versteht sich von selbst, daß der Umzug des Mai für den kleinen Ort ein großes Ereignis ist und daß eine große Menge von Neugierigen ihm folgt. — Ohne etwa mythologisieren zu wollen, ist es offenkundig, daß mit diesem Feste eigentlich ein Opfer dargebracht wurde, damit das Jahr recht fruchtbar und vor allem nicht wasserarm sei, was durch die vielen Gaben und das auf den Mai ausgegossene Wasser symbolisiert wurde. Wenn dieser letztere Zug — nämlich das Begiessen mit Wasser — bei analogen Gelegenheiten in Italien nicht vorkommt, so könnte man diesen Brauch ohneweiters in Zusammenhang bringen mit dem Zuge der dȍdole bei den Serbokroaten, die, wenn längere Zeit kein Regen fällt, singend herumgehen und ein ganz in Zweige und Laub eingehülltes Mädchen in der Mitte führen, das ebenfalls mit Wasser begossen wird. Sonst steht dem Feste des 1. Mai durch die Gleichheit der Benennung; der mȃj (Mai) in Mitteldalmatien (Spalato und Umgebung usw.) noch näher, in seinem Wesen aber ist das doch eine ganz andere Sitte: in der Nacht vor dem 1. Mai gehen Gesellschaften von Burschen und singen verschiedene Liebeslieder unter den Fenstern ihrer Geliebten; ein jeder pflanzt dann vor dem Hause seiner eigenen Geliebten einen mit Blumen und Obst geschmückten jungen Baum. Deswegen ist es auch zweifelhaft, ob der majo mit dem maj Zusammenhänge, denn der erste Tag des auch im Süden „wunderschönen Mai“ konnte den Anlaß zu verschiedenen, voneinander unabhängigen Bräuchen geben.
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Frau aus Acquaviva nach S. Felice reitend. Phot. Dr. A. Mainanti.
Was aber den Ursprung des majo und auch des maj anbelangt, darf nicht außer acht gelassen werden, daß sie rein italienische Namen tragen, ferner daß bei dem majo-Fest die Molisaner Slawen auch italienische, bezw. aus dem Italienischen übersetzte Lieder singen (vgl. Texte Nr. 29). Mit dem in den nordwestlichen Ländern Europas üblichen Maifest dürfte aber unser Fest kaum in unmittelbarem Zusammenhänge stehen. Seit einer Reihe von Jahren (nach Baldacci, S. 54 seit etwa 16 Jahren) wird der majo weder in San Felice, noch in Montemitro mehr gefeiert.
Etwas Ähnliches wie am 1. Mai, wenn auch in ganz anderer Form, geschieht übrigens auch am Allerseelentag (2. November): in der Frühe gehen Kinderscharen von Haus zu Haus und schreien: bû(m)blice! bû(m)blice!, worauf sie beschenkt werden; die Sachen, die sie zu Geschenk bekommen (Obst, Mehlspeisen; Kinder von ärmeren Leuten auch Brot, Gemüse usw.), heißen eben bûmblice oder bublice (vgl. Texte, Nr. 22). Der Brauch selbst ist auch in den benachbarten italienischen Ortschaften bekannt, nur daß hier (z. B. in Montenero di Bisaccia) „li morti“ ausgerufen wird.
Die alten Bräuche, die früher allgemein am Heiligenabend beobachtet wurden, sind nunmehr im Aussterben begriffen. Sobald es dunkel wird, gehen die Burschen mit brennenden smȑčke, d. i. mit Fackeln aus Zweigen vom Wacholderstrauch, von Haus zu Haus, wobei recht viel Lärm gemacht wird;
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„der Verlobte trägt den Stock (d. i. die smrčka) in die Wohnung der Braut, wo er ihn schließlich im Herde des Hauses verbrennt. In San Felice heißt die smrčka ,prejo‘ (Baldacci S. 54)“.
[[ Zusätze und Berichtigungen: prejo ist wohl mit prȅja „Garn“ identisch ]]
In den Häusern aber wird vom Familienoberhaupt der bȁdńak — der charakteristische Weihnachtsklotz der Serbokroaten! — auf den Herd gelegt, auf welchem das Feuer die ganze Nacht brennen muß, wie auch der Tisch mit brennenden Kerzen die ganze Nacht gedeckt bleibt. Leider sind diese Weihnachtsbräuche stark im Rückgänge begriffen und ich habe ältere Leute gefunden, die nicht einmal den Namen badńak kannten, andere wiederum, die ihn nicht mehr mit diesem uralten slawischen Namen, sondern nach italienischer Art als ćȍup do-bòžić (pioppo di Natale) bezeichneten.
Die übrigen Festtage haben rein kirchlichen Charakter, so vor allem das Fest der einzelnen Ortspatrone, nämlich St. Michael (29. September) in Acquaviva, San Felice (80. Mai) in San Felice und Santa Lucia (13. Dezember) in Montemitro. Aber auch die Feier an den Freitagen des Monates Mai, an welchen das Andenken an die Einwanderung gefeiert wird (vgl. Sp. 72), bewegt sich streng im Rahmen einer rein kirchlichen Funktion und hat absolut gar nichts, was mit dieser Einwanderung in Verbindung gebracht werden könnte oder auch sonst was Volkstümliches aufweisen würde. Ebensowenig kann man den Tag des hl. Blasius (3. Februar) als ein „national-slawisches Fest“ bezeichnen, wie dies Baldacci (S. 54) tut, denn es gibt dabei absolut gar nichts, was man eben als „national-slawisch“ bezeichnen könnte. Wenn aber der Tag des hl. Blasius, der kein in der römisch-katholischen Kirche gebotener Feiertag ist, in Acquaviva (nicht aber auch in den beiden übrigen Ortschaften) als Feiertag gilt, so hat das wohl seinen Grund darin, daß der hl. Blasius als der gemeinsame Schutzpatron aller drei Ortschaften gilt, was vielleicht wiederum so zu erklären ist, daß die Hauptmasse der Vorfahren unserer Kolonisten entweder aus einem Orte stammte,
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der diesen Heiligen als seinen Schutzpatron verehrte, oder nach der Einwanderung zunächst eine dem hl. Blasius gewidmete Kirche baute oder erhielt, so daß sich dann der Kultus dieses Heiligen auch bei ihren Nachkommen erhalten konnte. Als einen besonderen Festtag erwähnt Baldacci (S. 54) noch den Tag des hl. Josef (19. März), an welchem
man in San Felice zu Ehren des Heiligen ein süßliches Gebäck (im Italienischen pinze, im dortigen Slawisch krese genannt, in Acquaviva sagt man povače do zita, [1] d. h. von Korn) aus Sauerteig (kvas), Rosinen (sukva) und Sardinen zu bereiten pflegt“.
§ 41. (Volkslieder und Volksmusik)
Fast vollends verwischt ist der slawische Charakter der Bevölkerung auch in der Folklore! De Rubertis (S. 12) wußte nur zu berichten, daß es sehr wenige (er meinte slawische) Volkslieder gebe, die fast alle erotischen Charakters seien, und gibt den Inhalt desjenigen Liedes, das., wie Ascoli S. 79 behauptet, die Mädchen im Fasching singen, während sie sich schaukeln; das Lied ist aber eher epischen Charakters, denn — nach der Rekonstruktion De Rubertis’ — enthält es die Geschichte des Mädchens Marie, das von einer Freundin, einer Helfershelferin des jungen „Ritters“ Ivan Dovice, auf eine Wiese gelockt wird, um angeblich Rosen zu pflücken, von wo sie Ivan entführt, um sie dann schmählich zu verlassen. Doch von dem Liede selbst konnte De Rubertis nur 5 Verse mitteilen, die, wie bei allen späteren, ebenfalls fragmentischen Aufzeichnungen, mit der Aufforderung, Rosen pflücken zu gehen, einsetzen (vgl. Texte, Nr. 28). Ascoli hat neben einem Fragment desselben Liedes auch ein kleines Schäferlied (S. 81) veröffentlicht; Kovačić hat die (Sp. 63) erwähnten und von ihm angeblich gesammelten Lieder nie veröffentlicht; Dr. Smodlaka, der berichtet, daß die Kolonisten einige kürzere Liebeslieder singen können (Posjet, S. 30), hat tatsächlich ebenfalls nur ein Fragment des zuerst erwähnten epischen Liedes mitgeteilt, was auch Barač tut, der außerdem noch ein kleines frommes Lied (Texte Nr. 35) sowie 3 Verse aus zwei weiteren Liedern (Texte Nr. 36 und 37) hat,
1. Ein Druckfehler für do žita.
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während die beiden auf S. XXVIII und XXIX von ihm abgedruckten Lieder Fragmente eines Liedes des De Rubertis sind (vgl. Texte Nr. 38).
Was also bis jetzt an Volksliedern aus unseren Kolonien veröffentlicht wurde, ist sehr wenig, da es sich dabei fast nur um einige wenige kurze Fragmente handelt, so daß dies wohl der beste Beweis ist, wie selten in den Kolonien in serbokroatischer Sprache gesungen wird!
Slawische Pilgerin. Phot. Dr. A. Mainardi.
Ja, auch die beiden Stücke, die den Anschein vollständiger Lieder erwecken, nämlich das Hirtenlied bei Ascoli (s. Texte Nr. 30) sowie das Marienlied bei Barač (s. Texte Nr. 35), sind mir etwas verdächtig: das erstere war meinen Gewährsmännern ganz unbekannt, das zweite dagegen wurde auch mir hergesagt (nicht etwa gesungen), ohne daß man auf eine italienische Vorlage hinweisen könnte. Sind das jedoch wirklich serbokroatische Volkslieder? Die in metrischer Beziehung vollkommen anormale Form derselben berechtigt uns, diese Frage aufzuwerfen!
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Es könnte nämlich sehr leicht sein, daß beide Stücke nur die Übersetzung italienischer Lieder sind, die speziell zu dem Zwecke von dem Gefragten angefertigt wurde, um den nach „slawischen Liedern“ Fragenden zu befriedigen. Mir ist nämlich so etwas tatsächlich passiert! Als ich eine alte Frau nach Liedern fragte, sagte sie mir einen in bezug auf den Inhalt vollkommen befriedigenden und abgeschlossenen Text, über welchen ich mich sehr freute, obschon ich in der größten Verlegenheit war, die einzelnen Verse zu trennen.
Prozession am 22. September in Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar
Als ich aber von ihr verlangte, daß sie das Lied auch singe, da fing sie an, . . . italienisch zu singen! Wie sie es ohneweiters sogleich zugab, hatte sie den italienischen Text des Liedes schnell übersetzt und versicherte mich, daß sie nur italienische Lieder könne. Allerdings ist die unregelmäßige metrische Form kein zwingender Beweis, daß auch diese zwei kleinen Stücke keine serbokroatischen Volkslieder sein können, denn auch die Fragmente des epischen Liedes haben eine sehr unregelmäßige Form und dennoch werden sie tatsächlich gesungen, so daß wenigstens von dieser Seite die Volkstümlichkeit und der slawische Ursprung des ganzen Liedes nicht angezweifelt zu werden braucht. Wenn aber das Metrum dieses letzteren Liedes weder mit dem 15—16 silbigen Vers der älteren serbokroatischen epischen Lieder, noch mit dem 10silbigen der neueren übereinstimmt, so kann das durch die mangelhafte Überlieferung, aber auch dadurch erklärt werden, daß sich hier ein Metrum epischer Volkslieder erhalten hat, das weder mit dem einen, noch mit dem anderen identisch war. —
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Was mich anbelangt, konnte ich keine Volkslieder mit Ausnahme des schon mehrmals erwähnten epischen Fragmentes finden, obschon ich mich redlich bemüht habe, sie zu entdecken; [1] was ich aber gehört habe, waren durchwegs italienische Lieder — in der Kirche und auf der Straße, auf den Feldern und bei den häuslichen Arbeiten ! Ich glaube aber nicht, daß unsere Kolonisten ihre eigenen aus der Heimat mitgebrachten Volkslieder deswegen aufgegeben haben, weil — wie Dr. Smodlaka (Posjet, S. 30) meint— die Italiener sich über die ungewöhnlichen Weisen der ihnen unverständlichen Lieder lustig machen; vielmehr hat auch auf diesem Gebiete ein allmähliches Vordringen des stärkeren italienischen Wesens und der höheren italienischen Kultur stattgefunden.
Deswegen, muß ich aufrichtig gestehen, scheint mir die Behauptung Dr. Smodlakas, daß „die Melodien auch der italienischen Lieder zumeist slawisch sind“ und „daß viele kroatische Lieder die alte kroatische Melodie unverdorben erhalten haben (Hrv. Misao, S. 753)“, sehr gewagt zu sein, obgleich auch Barač von den „rein volkstümlichen (d. i. serbokroatischen) Motiven“ ihrer Lieder, welche den in Spalato gesungenen sehr ähnlich sein sollen (S. XXIX),
1. Der erste darauf bezügliche Versuch schien geglückt zu sein: ich hörte von einigen Frauen ein Lied singen, dessen Text und Melodie mir sehr bekannt war! ... es war ein Lied, das die Frauen von den Spalatane: Touristen gelernt hatten! Wer etwa in einiger Zeit dasselbe Lied hören sollte, ohne letzteren Umstand zu kennen, der würde ohneweiters meinen, daß die Kolonisten das Lied mit sich aus Dalmatien mitgebracht hätten.
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und obschon auch Baldacci behauptet (S. 55), daß beim Singen der allein üblichen neapolitanischen und abruzzesischen Lieder „die Stimmen alle etwas von den lauten Trauergesängen an sich haben, die bei den illyrischen Serben üblich sind“. Ich habe diese italienischen Lieder nach alten slawischen Motiven, beziehungsweise nach Art „lauter Trauergesänge“ nicht gehört und weiß nicht, ob man dieselben Worte in bezug auf ganz dieselben Lieder gebraucht hätte, wenn man in der Meinung gewesen wäre, daß letztere nicht von unseren Kolonisten, sondern von echten Italienern gesungen werden !
Prozession am St. Michael-Tag (29. September) in Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Man darf ja nicht vergessen, daß auch im dalmatinischen Küstenlande, besonders aber in den Städten die Melodien vielfach italienischen Ursprunges sind. Nur das fragmentarisch erhaltene epische Lied habe ich tatsächlich von zwei Frauen nach einer (nicht ganz gleichen!) getragenen, slawischen Melodie singen gehört, was sowohl Dr. Smodlaka (Posjet, S. 30) als auch Prof. Barač (S. XXIX) beobachtet haben, die sie mit Recht mit der Vortragsweise der serbokroatischen epischen Guslarenlieder vergleichen; ich hatte neben anderen auch dieses Lied (beide Male) phonographisch aufgenommen, leider war aber das Instrument auf der Reise verdorben, so daß keines der aufgenommenen Lieder und Instrumentalstücke zu brauchen war.
§ 42. (Volkserzählungen und Sprichwörter)
Erzählungen und Märchen sind durchwegs italienisch — fiabe und Heiligenlegenden, die noch dazu zum größeren Teil literarischen Ursprunges sind und bei denen ich wenigstens keine Berührungspunkte mit den serbokroatischen Volkserzählungen finden konnte;
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einige werden im folgenden unter den Texten (Nr. 1—16) veröffentlicht. Ebensowenig konnte ich für die spärlich vorkommenden Sprichwörter direkte Parallelen unter den serbokroatischen konstatieren, womit aber nicht gesagt sein soll, daß auch die Sprichwörter durchwegs italienischen Ursprunges sein müssen; im Gegenteil, für die „Lebensphilosophie“ des Volkes, die in der gewöhnlichen Umgangssprache so gerne und so häufig gepredigt wird, konnten sich ganz gut die in den Sprichwörtern ausgedrückten „Lebensregeln“ in der uralten volkstümlichen Form erhalten; dies gilt insbesondere für diejenigen zweigliedrigen Sprichwörter, deren beide Glieder durch einen Reim verbunden sind (vgl. Texte Nr. 24).
§ 43. (Aberglauben; Spiel und Tanz)
Eben so dürfte sich in den abergläubischen Sitten mancher uralte slawischer Zug ( erhalten haben. Da sind vor allem die slawischen Vilen, die ich in folgenden Phrasen erwähnen hörte : su-dȍle vȋlije „es sind die Vilen gekommen“ (wenn ein Sturm sich erhebt); suma-tȗkle vȋlije „es haben mich die Vilen geschlagen“ (wenn jemand ganz zerschlagen und geschwächt ist). Dr. Smodlaka erwähnt (Hrv. Misao, S. 753/4), daß die vilice an den Quellen leben und daß derjenige, der sie nicht begrüßt, wenn er sie sieht, sterben kann, ferner, daß die štriguni (Vampyre) mit einem Hagedornpflock gestochen werden müssen, bis drei Blutstropfen fließen — ganz wie nach dem allgemeinen serbokroatischen Volksglauben! (Vgl. Texte Nr. 23.) Einige Rezepte gegen den urek, die Behexung, finden sich unter den Texten sub Nr. 21;
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der Name selbst ist eine Nebenform zum gewöhnlichen serbokroatischen urok, doch inhaltlich dürfte die Sache eher italienisch sein, denn der malocchio spielt bekanntlich im italienischen Volksglauben eine ebenso große Rolle wie die Hexen, welche, selbstverständlich, als vȉštice auch unsere Kolonisten beunruhigen, besonders gerne ein schwächliches Kind „essen“ (ga-jìdu vȉštice).
Dreschen von Mais bei Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Zum Schlüsse sei noch konstatiert, daß auch Spiel und Tanz vollständig italienisch sind. Das gewöhnlichste Spiel ist das in Italien so beliebte Spiel piastrelle (Steinchen), slaw. pļȍčke : čít (seltener jȏkat) nā-pļočk „piastrelle spielen“, — ein Spiel, das ohne Zweifel auch nach Dalmatien aus Italien importiert wurde, denn man findet es nur an der Küste und auf den Inseln. Sehr gerne wird auch das bekannte italienische Fingerspiel la morra gespielt, das bei unseren Kolonisten mit der Phrase jȏkat nā-prste „Finger spielen“ bezeichnet wird. Es fehlen selbstverständlich auch die italienischen Kartenspiele nicht. Getanzt wird die tarantella und die spallata (so genannt, weil beim Drehen sich Tänzer und Tänzerin den Rücken — le spalle — kehren), und zwar unter Begleitung von Ziehharmoniken und zumeist auf dem nichts weniger als weichen und ebenen Steinpflaster des Hauptplatzes.
§ 44. (Sprachgebrauch)
Am deutlichsten kommt natürlich die nationale Individualität unserer Kolonisten in der Sprache zum Ausdruck.
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Die Gebildeten, die auch die übrigen slawischen ethnographischen Merkmale abgestreift haben, sprechen in der Familie und unter sich fast ausschließlich italienisch, und zwar sprechen sie die Literatursprache, da sie das Italienische in Schulen und aus dem Verkehr mit gebildeten Italienern lernen; doch gebrauchen sie einige Idiotismen des neapolitanischen Dialektes, wie lu und li für il-lo und i-gli, chisto für questo usw.; deswegen wurde schon im Ausland vom Jahre 1857, S. 840, richtig bemerkt :
„... doch spricht der gebildete Teil unter ihnen auch italienisch, und zwar, was als auffallend erscheinen muß, besser und wohlklingender als in der Umgegend“.
Das Volk aber hält zähe an der eigenen Sprache fest, als ob es das Vermächtnis des aus Acquaviva gebürtigen Professors der Physiologie an der Universität Neapel Nicola Neri erfüllen wollte, der als italienischer Patriot von der bourbonischen Regierung im Jahre 1799 hingerichtet wurde, aber jedesmal, wenn er in die Heimat kam, seinen Mitbürgern empfahl: nemójte zgúbit naš jézik (verlieret unsere Sprache nicht! Ascoli, S. 77). Ja, die serbokroatische Sprache ist bei dem Volke in den drei Kolonien noch immer so stark, daß nicht nur einzelne Personen, sondern auch ganze italienische Familien, die sich hier niederlassen, slawisiert werden (vgl. Sp. 90). Doch das wird nicht lange so bleiben, denn Schule und Amt, Kirche und der immer regere Verkehr mit den benachbarten Ortschaften muß auch in diesen letzten Burgen der einst viel zahlreicheren molisanischen Serbokroaten den Italianisierungsprozeß vollenden, der in den übrigen Kolonien zum Abschlüsse gelangte und auch in diesen letzten drei seinen Anfang genommen hat. Insoferne sich dieser Prozeß in der Grammatik und im Wortschätze äußert, soll uns die nunmehr folgende Darstellung zeigen. Hier sollen nur einige darauf bezügliche allgemeine Bemerkungen vorausgeschickt werden.
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Da die meisten Individuen zweisprachig sind (nach Baldacci S. 49 sollen aber „heute noch viele alte Leute leben, denen das Italienische vollständig unbekannt ist“), so kommt es doch nicht selten vor, daß sie bald einzelne italienische Worte, so insbesondere abstrakte Begriffe und Zahlen, bald kleinere Sätze in den sonst serbokroatischen Satz einfugen; so hörte ich z. B. von einer Frau, die mir das Schicksal ihrer unglücklich verheirateten Tochter erzählte:
ȉmaše venticinque an . . . čìnȗ l’amor dìvȏjke . . .ȏn-mȗž-cerca lu perdon . . . čìnȋ ’l possibil za dȍ Lamȅrik, ke jȃ čìnȋm più del mio dever . . . sa-mu-dála pȇt stȍtini e settaniacinque lire usw.
Rückkehr von der Weinlese nach Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Speziell das Zählen und überhaupt das Angeben von Zahlen geschieht in der Regel in italienischer Sprache; die älteren Leute zählen serbokroatisch ziemlich gut bis ungefähr 10, die höheren Zahlen dagegen hört man von ihnen selten, ebenso von der jüngeren Generation, die die Schule besucht oder besucht hat, auch die niedrigeren bis 10! Insbesondere wurde mir das Alter, sobald ich darnach fragte, immer von jung und alt nur italienisch angegeben. Noch ärger steht es mit den Ordnungszahlen : pȑvi und drȕgi ist noch bekannt, aber mit dem „dritten“ fängt schon das Italienische an. Dieses Aufgeben der slawischen Zahlwörter kann nicht bloß durch den Einfluß der italienischen Schule erklärt werden, da auch die die Mehrzahl der Erwachsenen bildenden Analphabeten daran partizipieren; noch mehr dürfte der Verkehr mit den italienischen Steuereinnehmern und Kaufleuten dazu beigetragen haben. Eine Nachäffung der italienisch sprechenden „Herren“ ist es aber, daß auch die Grußformeln fast durchwegs italienisch sind; nur heim Eintreten in ein Haus hört man hie und da vom Eintretenden den Gruß hvála bȍgu, worauf mit sèmȃj hvála geantwortet wird (Smodlaka, Posjet, S. 26), während die beim Abschied oft gebrauchte Formel stȏj dóbro doch eine Übersetzung des italienischen sta bene ist.
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Auch Makušev (Записки, S. 36) registriert als einzigen slawischen Gruß хвала Богъ. Eine besondere Anwendung des Italienischen kommt aber heim Vortrag von Erzählungen vor : sobald hier nämlich zu einer höher stehenden Person (einem König, Prinzen usw.) oder zu einem Heiligen gesprochen wird, lautet die Ansprache italienisch, weil der Erzähler ganz einfach voraussetzen zu müssen glaubt, daß der Sprechende sonst nicht verstanden würde. [1]
Ganz verdrängt ist das Serbokroatische aus der Kirche, weswegen auch die Leute heutzutage nur lateinisch oder italienisch beten und in der Kirche singen. Es muß aber eine Zeit gegeben haben, wo dies anders war, denn es finden sich noch einige alte Frauen, die wenigstens den englischen Gruß serbokroatisch hersagen und in dieser Sprache sich auch bekreuzigen können (vgl. Texte Nr. 26—27). Wenn man nun voraussetzen darf, daß dies die letzten Spuren der zur Zeit der Auswanderung aus der Heimat mitgenommenen Gebete sind, so muß man dann auch annehmen, daß letztere in der neuen Heimat umgeformt wurden,
1. In den Texten sub Nr. 1—10 haben die Erzähler, um mir gewiß einen Gefallen zu tun, die entsprechenden Sätze serbokroatisch hergesagt; es wäre aber vielleicht besser gewesen, wenn ich darauf bestanden hätte, diese Sätze italienisch zu haben.
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da sie sich in der Sprache von den in der Heimat ziemlich konstant gebliebenen Formeln entfernt haben; besonders mache ich auf die Verbindung nаko, bȍže, bȋl anstatt des gewöhnlichen amen aufmerksam, da sie eine teilweise Übersetzung des italienischen così sia ist.
Trocknen von Wäsche bei Acquaviva. Phot. S. v. Rešetar.
Es könnte aber auch sein, daß diese Gebete, nachdem die ursprünglichen in Vergessenheit geraten waren, erst in späterer Zeit neu übersetzt wurden. Und zwar spreche ich diese Vermutung nicht etwa deswegen aus, weil im Ausland vom Jahre 1857 (S. 840) die Behauptung aufgestellt ist, daß „von den Geistlichen slawisch gepredigt wird“, denn sowohl diese, wie die weitere Behauptung, daß „der Elementarunterricht in der Ortsschule slawisch ist“, sind ohne Zweifel unrichtig, sonst hätte De Rubertis etwas davon gewußt! Und dennoch muß es in Acquaviva jemand gegeben haben, der sich in früherer Zeit für die serbokroatische Sprache interessierte, denn De Rubertis (S. 23/24) erzählt, daß er folgende serbokroatische Werke vorgefunden habe: ein “Officze Divicze Marie“, also ein Officium der hl. Jungfrau Maria, leider mit abgerissenem unteren Teil des Titelblattes, dann ein Officium der Karwoche, ohne Titelblatt, ferner ein handschriftliches Leben des hl. Benedikt und endlich das Wörterbuch Micaglias! Höchstwahrscheinlich war derjenige, der, bevor noch unsere Kolonien von M. Pucić entdeckt wurden,
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für die serbokroatische Sprache ein Interesse hatte und auch serbokroatische Bücher sich verschaffte, ein Geistlicher, der mit Hilfe der damals dem Volke wohl allein verständlichen Volkssprache bessere Resultate zu erzielen hoffte als mit dem Lateinischen und Italienischen. Leider sind auch diese kaum einzigen, jedenfalls aber letzten Denkmäler des einstigen Interesses der Geistlichkeit von Acquaviva für die serbokroatische Sprache verschwunden ; ich habe sie umsonst gesucht !
§ 45. (Vor- und Zunamen)
Dem jetzt ausschließlichen Gebrauch des Lateinischen und Italienischen in der Kirche ist es ferner zuzuschreiben, daß keine echten slawischen Personennamen, die vielleicht einst vorhanden waren (vgl. die jetzt als Familiennamen geltenden Namen Mirko [geschrieben Mirco], Staniša [„Staniscia“] usw.), aber auch fast keine slawischen Formen der allgemein in der katholischen Welt gebräuchlichen Heiligennamen Vorkommen. An letzteren existiert eigentlich nur noch Jìvan neben Ǵovȁn für „Johann“, während Mára (für „Maria“), das sich noch im Volksliede (s. Texte Nr. 28) und in einem Sprichworte (s. Texte Nr. 24) erhalten hat, in der allerletzten Zeit außer Gebrauch gekommen ist; dagegen gehört die noch selten für „Paul“ gebrauchte Form Pȁvuj (gen. Pȁvula), beziehungsweise Pȁvula „Paula“, kaum hieher, denn die im Küstenlande gebrauchte serbokroatische Form ist Pavao-Pavla (mit den entsprechenden hypokoristischen Formen), somit geht Pavul-direkt auf das lateinische Paulus mit einem den Hiatus aufhebenden v zurück ; [1] diese direkte Zurückführung auf die lateinische und nicht auf die italienische Form (Paolo) wird bestätigt durch Tômas, das, wie der Akzent und das tonlose s beweisen, nicht das italienische Tommáso, sondern das lateinische Thómas ist.
1. Pawulẹ für Paolo findet man aber auch im Dialekt von Campobasso (D’ Ovidio, S. 156), kann somit italienischen Ursprunges sein.
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Die Hypokoristika sind dagegen in der Regel italienisch: Jȃnǵ für „Arcangelo“, Ǵȅns für „Vincenzo“, Mȋng und Mingȗn für „Domenico“, Kōla für „Nicola“, Nĝìk für „Francesco“, Sȅp für „Giuseppe“, Kȇl für „Michele“ (ein Alter sagte mir seinen Namen so: Mikȇl, nā-nas „Kȇl“) usw. ; doch können sonst italienische Kosenamen auch das slawische Diminutivsuffix -ić annehmen, z. B. Pinić zu (Bep)pino, Nanić zu Nanne (Giovanni), Mingić zu Ming usw.; solche Formen hört man aber fast nur in San Felice und Montemitro, sehr selten in Acquaviva.
Die Familiennamen, welche sich überhaupt ganz gewiß zuerst in Italien festsetzten, sind zumeist italienisch: Cicanese, Chiavavo, Guarino, Martella, Mariano, Martino, Maddaloni, Neri, Piccoli, Quaglia, Sorella, Spadanuda usw. usw., doch nicht wenige Zunamen sind echt slawischen Ursprunges: Dr. Smodlaka hat sie alle (Posjet, S. 38) zusammengestellt und erklärt: Blascetta (= Blažeta), Jacusso (= Jakus), Matasa (= Matas), Mattiaccio (= Matijača), Miletta und Miletti (= Mileta), Mirco (= Mirko), Papiccio (= Papić), Peca und Pecca (= Peko), Radi (= Rado), Staniscia (= Staniša), Tomizzi (= Tomić) in Acquaviva, dazu noch Radatta (= Radat), Marcovicchio (= Marković) in San Felice, Jurescia (= Jureša), Jurizzi (= Jurić) in Montemitro, Berchizzi (= Brkić) in Palata, Jacovina (= Jakovina) in Tavenna; einzelnes ist weniger sicher, z. B. Gorgolizza (= Grgurica), Vetta (= Iveta?), Simigliani (= Smilanić? vielleicht = Smilan), während Giorgetti (in Acqua viva) und Giorgetta (in Montemitro) nicht auf Giorgeta, sondern eher durch Anlehnung an das italienische Giorgio auf Jureta (oder Đoreta?) zurückgehen dürfte. Zu diesem Verzeichnisse bei Dr. Smodlaka könnte ich nur noch Maroscia aus Tavenna hinzufügen, das wohl mit Maruša identisch ist.
Sängerchor vom 1. Mai in Acquaviva. Phot. Dr. A. Vetta.
Neben der offiziellen Bezeichnung einer Person nach Vor- und Zunamen finden wir bei den Kolonisten auch eine volkstümliche, die sehr merkwürdig ist, und zwar nicht so sehr wegen ihres Inhaltes, als vielmehr wegen ihrer Form. Da es nämlich mehrere Familien gibt, die denselben Zunamen tragen, so wird in bezug auf eine Person, die man genauer bezeichnen will, neben ihrem Vornamen noch derjenige, beziehungsweise der Beiname ihres Vaters und Großvaters verwendet, und zwar der erstere im Genetiv,
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der zweite dagegen als Possessivadjektiv mit dem Suffix -in, z. B. Ǵȇns Savȇrija Mingȗnin = Vincenzo des Saverio des Domenico ; Ǵezumîna Kōla Mingȗnin = Gelsomina des Nicola des Domenico; Nĝìk Sȅpa Cirȍkin = Francesco des Giuseppe des Zio Rocco (Onkel Rocco); šćȇr Kȏla Bȋlkin = Tochter des Nikolaus des Bilak (letzterer Name ist ein Beiname nach der weißen Hautfarbe eines Vorfahren; der Familienname ist Cicane); manchmal nimmt man an Stelle des Vaters oder Großvaters den Namen der Mutter oder Großmutter, wenn letztere aus irgendeinem Grunde mehr bekannt ist, z. B. Ǵovȁn Tȏmasa Ruzȃlijin = Giovanni des Thomas der Rosalia; auch kann für die betreffende Person anstatt ihres Vornamens die Bezeichnung ihres Berufes verwendet werden, z. B. nǵińȋr Vȋta Pȃrdin = der Ingenieur des Vito des Pardo (so wird tatsächlich der Ingenieur Giovanni Giorgetti in Acquaviva allgemein genannt!). Auf dieselbe Weise kann man aber nicht nur den Sohn oder die Tochter,
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sondern auch den Neffen oder die Nichte bezeichnen, z. B. ȏn je-nȅput, beziehungsweise óna je-nȅputa Sȅpa Pȃrdin, er ist der Neffe, beziehungsweise sie ist die Nichte des Giuseppe des Pardo, wobei Giuseppe, Sohn des Pardo, der Onkel ist. Wenn aber die Kinder von solchen Leuten bezeichnet werden, die man gewöhnlich aus Respekt nach ihren Vor- und Zunamen und dem neopolitanischen „Don“ nennt, dann wird diese letztere Benennung so angewendet, daß der Vorname im Genitiv, der Familienname in der Form des Possessivadjektivs steht, z. B. mȅdik je-sȋn Don-Ǵovȁna Vētin = der Arzt ist ein Sohn des Don Giovanni Vetta.
Eine Parallele zu dieser höchst merkwürdigen Art der Namengebung findet man . . . bei den eine abgeschlossene Oase bildenden serbokroatischen Katholiken von Jańevo in Altserbien!
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Dies wurde mir von Prof. Trojanović aus Belgrad mitgeteilt, der die Gegend gut kennt und mir als typisches Beispiel Tona Koca Miǵemarin mitteilte. Vielleicht ist dies kein Zufall, denn auch die Katholiken von Janevo sollen aus Dalmatien eingewandert sein; allerdings wird dies durch den von ihnen gesprochenen Dialekt nicht bestätigt; so sind sie keine i-, sondern, wie ihre Umgebung, e-Sprecher, aber das ließe sich so erklären, daß sie die ursprünglichen Züge ihres Dialektes leichter als die Molisaner Slawen aufgeben konnten, weil sie eben von Konnationalen umgeben sind. Aus anderen serbokroatischen Gegenden ist mir diese sonderbare Namengebung nicht bekannt.